Knigge für Ferkel

M.: Kaufe dir ein Kleid und neue Schuhe.
L.: Nachdem ich diese Worte das letzte Mal aus deinem Mund gehört hatte, stolperte ich, stürzte, bettete mich auf die kühlen Stufen eines Nobelrestaurants – in einem Interieur aus Gold, Spiegeln und Kronleuchtern; das seidene Kleid geschickt um den Hals gewickelt –, und kam Ilja so nah, wie sonst keinem deiner Freunde.
M.: Ich gebe zu, du sahst dabei unbegreiflich würdevoll aus: Grazie, Anmut… die Zierde der Marmortreppe par excellence. Die Zeit erstarrte. Der flüchtige Zauber des Augenblicks hallte nach. Venus erblasste vor Neid. Achtzehn Monate harter Arbeit und Disziplin auf dem Übungsgelände hatten sich gelohnt. Wäre ich an Iljas statt, griffe ich bestimmt nach deinem Po, nicht nach dem Schenkel.
L.: Verderbtes Ferkel.
M.: Apropos Verderbtheit: Erwähne nochmals seinen Namen mit einem schwärmerischen Lächeln, und ich werde dich einkerkern. Warum trägst du nie den eleganten Kartoffelsack, den ich dir geschenkt habe?
L.: Ich überlasse ihn dir.
M.: Zu kurz. Frau würde meine Beine sehen.
L.: Hör auf. Ich werde wuschig. Deine Beine vertrügen allerdings eine gründliche Rasur. Rasieren, Epilieren, Waxing, Shugaring, Alexandritlaser?
M.: Vergiss es. Ich bin wie Sampson, meine liebe Delila. Werde ich der Körperbehaarung beraubt, schwindet meine Kraft, auch die Manneskraft. Stelle dir all die desperaten Nächte vor, in denen du vollkommen nackt, glühend und zitternd vor Verlangen, unter die Decke schlüpfen und mit mir stundenlang über Belanglosigkeiten reden müsstest.
L.: Blanker Horror.

* * *
M.: Benimm dich. Falle nicht unangenehm auf.
L.: Was heißt das schon wieder? Darf ich nicht am Tisch schmatzen, auf dem Tisch tanzen oder neben dem Tisch gemütlich der Ruhe pflegen?
M.: Tue mir den Gefallen.
L.: Kann ich mindestens versuchen, dir unter dem Tisch einen zu blasen?
M.: Gegen solchen vernünftigen Vorschlag ist nichts einzuwenden.

* * *
L.: Darf ich mit deinen Geschäftspartnern tändeln?
M.: Nein.
L.: Darf ich sie berühren?
M.: Auf gar keinen Fall.
L.: Aber es ist angebracht, wenn du deine Hand auf mein Knie legst?
M.: Ja. Du hast schöne Knie. Ich bin willenlos in deiner Nähe.
L.: Du hast einen schönen Bauch. Trotzdem fasse ich nicht in deine Hose.
M.: In meine Hose? Denkst du wirklich an den Bauch? Sei ehrlich. Schäme dich nicht deiner Sehnsüchte.

* * *
L.: Gehen wir nach dem Geschäftsessen tanzen?
M.: Wenn du möchtest. Später dann gehen wir in ein Hotel, wo ich dich ordentlich durchpfeffern werde.
L.: Durchpfeffern… Charmant.
M.: Ich bin ein Mann von guter Erziehung. Ich entstamme einer langen Reihe von Generälen.
L.: Ich bin ein simples Bauernmädchen. Pfeffere dich selber durch.

Die Tage huschen an mir vorbei schneller, als ich zwinkere. Mit dem Schreiben komme ich nur nicht hinterher.

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