Über wissbegierige Wuschelköpfe

Niko begrüßt seinen Vater an der Eingangstür:

„Und, Vater, wo hast du dich den ganzen lieben Tag herumgetrieben?“
„Ich bin im Büro gewesen.“
„So, so. Im Büro? Hättest du zuhause geblieben, müsste ich nicht in die Kita gehen, und wir hätten den ganzen lieben Tag miteinander spielen können. Denk darüber nach.“

Ich pflichte meinem Kind bei:

„Natürlich hat er Recht.“
„Wirklich? Seit wann das?“
„Na überlege mal. Vor allem hättest du den ganzen lieben Tag mit dessen Mutter spielen können.“
„Ich lasse mich von dir nicht verführen. Ich bin stark. Ich bin stark. Ich bin… schwach. Ich bin schwach. Ich bin schwach.“

Kostja plagen andere Probleme. Er hat zu wenige Väter.

„Mummy, ist Daddy mein Daddy?“
„Ja, er ist dein Daddy.“
„Bist du sicher?“
„Ziemlich sicher.“
„Er ist auch Nikos Daddy – richtig?“
„Definitiv. Zwillinge haben in der Regel denselben Daddy.“
„Ist er auch Elis Daddy?“
„Ja, ist er.“
„Und Milis? Und Soles?“
„Ja. Und ja.“
„Das ist unfair! Agnes hat z.B. einen Daddy. Ihr Bruder Andrew hat einen zweiten Daddy. Ihre kleine Schwester hat einen dritten Daddy. Und jetzt wird die Mutter wieder heiraten und ein weiteres Baby mit dem vierten Mann bekommen. Sie haben viele Daddys, und wir nur einen. Einen!“

Hilfe! Wo gibt’s Väter zu mieten? Möglichst günstig. Ich brauche fünf bis acht Stück. Mein guter Ruf steht auf dem dem Spiel.

Über gemeine Gauner

Wenn mein Mann zuhause ist, freue ich mich sogar, früh aufzustehen.

Erstens bereitet er das Frühstück* vor.

Zweitens genieße ich seine Dialoge mit den Kindern und Fräulein Fettel. Sie ist wortkarg und antwortet meist mit forderndem oder empörtem Miau.

„Fettel, hör auf zu grunzen. Hast du dich im Spiegel betrachtet? Du bist keine Katze. Du bist ein Nilpferd. Fauche mich nicht an, sonst fliegst du aus dem Fenster. Ohne Fallschirm. Kannst du fliegen?“

„Eli, nimm den Kochtopf vom Kopf. Wir tragen prinzipiell keine Kochtöpfe als Hüte. Auch keine Bratpfannen. Oder Suppenteller.“

„Kinder, wer hat die Fettel in den Mülleimer gestopft?“
„Sie hat sich selbst in den Mülleimer gestopft.“
„Verlässt du uns? Was für eine grandiose Überraschung! Ich heiße deine Entscheidung gut. Fettel, reg dich nicht auf. Ich mache gleich den Deckel zu und werfe dich in die Mülltonne.“

Drittens fährt er die Horrorbrigade zur Schule und in den Kindergarten. Ich schließe die Tür hinter ihnen ab, winke zum Abschied vom Balkon und hüpfe mit den Toddlers schnell unter die warme, kuschelige Decke. Noch ein Stündchen Schlaf ergaunert. Das Leben danach wirkt auf mich sonniger.

* * *
Fräulein Fettel wurde in letzter Sekunde gerettet. Sie döst verträumt daneben.

Und euch allen wünschen wir einen wunderschönen Tag ;)
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*Haferbrei mit frischer Butter, Sahnejoghurt mit Honig und karamellisierten Pecannüssen, Obstsalat aus Bananen, Äpfeln, Sharonfrüchten und dazu heißen Kakao mit Mandelmilch

Der erste Schnee

L: Oh mein Gott, die Stadt versinkt im Schnee. Ich falle gleich in Ohnmacht. Bitte halte mich fest.
M.: Klappe! Nicht jeder von uns hat im ewigen Winter gelebt, Eisbären gejagt, mit Grauwalen Freundschaften geschlossen, Walrosse als Haustiere gehalten und ist bei extremen Minustemperaturen auf einem Rentier zur Schule geritten.
L: Neidisch? Nimm deine Hand da sofort weg, du Wüstling!

* * *
Ich habe nicht viele schöne Kindheitserinnerungen. Als mein Bruder Richard zwölf und ich sechs waren, mussten unsere Eltern zu der Tante meiner Mutter nach Mainz umsiedeln.

Sie lebten fast dreißig Jahre lang in verschiedenen moslemischen Ländern. Sie beherrschten die Landes–sprachen, ohne je einen bezahlten Integrationskurs besucht zu haben. Sie arbeiteten hart. Es nützte nichts. Nachdem ein Vetter meines Vaters von den Einheimischen brutal ermordet wurde, weil er Brot an Hungerleidende verteilt hatte, packten sie ihre Sachen und ließen alles zurück. Was soll’s! Wir fanden unseren Weg in Deutschland.

Was ich sagen wollte: Das überwältigende Glücksgefühl, das meine Seele in sich barg, als wir die Eisblumen auf dem Fensterglas bewunderten, im Schnee tobten, auf einem Schlitten den Berg herunter lachend rodelten, Schneemänner erschufen, Schneeballschlachten ausfochten oder Wettbewerbe im Skifahren veranstalteten, wohnt mir bis in den heutigen Tag inne. Und einmal trafen wir bei einem Spaziergang im Park auf ein Ehepaar in Begleitung eines jungen Elches. Das passierte in einer Großstadt eher selten.

Ich mag Schnee und freue mich über die Schneeflocken.

Liebe Schneeengel, ich warte sehnsüchtig auf euch!

Über Geheimnisse einer Ehe

XY: Was schätzt du an einem Mann?
L.: Starke Hände, einen harten Schwanz und natürlich seine inneren Werte.
M.: Du bist eine Romantikerin, Baby. Hättest du Novalis gevögelt, würde sich „Heinrich von Ofterdingen“ spannender lesen. Was ist los?
L.: Ruhe! Ich versuche vergeblich vor Ehrerbietung und Demut zu erröten. Wie es sich für eine Frau geziemt.

* * *
L.: Sicher. Ich kann meine Äußerung ausführlich erläutern. Männer gehören zu der Hälfte der Menschheit, die beim Wichsen urkomisch aussieht, aber gleichzeitig einen phänomenal faszinierenden Orgasmus erlebt, wenn Frauen sie mit ihren Händen verwöhnen.
M.: Stimmt nicht. Bei mir verhält es sich umgekehrt. Beim Wichsen sehe ich ungeheuer würdevoll aus. Bei einem Handjob gebe ich jegliche Kontrolle ab. Ich lasse dich gewähren.
L.: Ja, weil du ein Vollidiot bist.
M.: Ist dir bewusst, dass du diesen Vollidioten geheiratet hast?
L.: Ein bedauerlicher Fehler. Wie kam es dazu?
M.: Rate mal. Du spreiztest deine Beine und vergaß die Verhütung.
L.: Ich dachte, du hättest mich aus Liebe geheiratet, nicht weil mein Bauch wuchs.
M.: Was du für Gedanken hegst. Nein, nur wegen dem Kind. Du gefällst mir aber. Ein wenig.
L.: Reizend. Mir kommen gleich die Tränen. Ich bin gerührt und fühle mich so gesegnet.
M.: Ich bin ein charmanter Typ. Zu welcher Hälfte der Menschheit gehören nun Frauen?
L.: Du bist doch ein Mathegenie. Was ist das für eine doofe Frage? Zweifelsohne gehören sie zu der anderen Hälfte der Menschheit. Bei einem Höhepunkt sehen sie immer entzückend aus. Wichsen tun sie schon gar nicht. Sie sind reine, märchenhafte Geschöpfe.
M.: Und Männer sind Trolle von unter der Brücke.
L.: Genau! Das ist nebenbei eines der Geheimnisse unserer Ehe: Wir verstehen uns blind.

Eigentlich haben wir überlegt, uns ein intellektuelles Hobby oder eine niveauvolle Freizeitbeschäftigung zuzulegen, aber stattdessen werden wir am Freitag das Übungsgelände aufsuchen. Eventuell werde ich Mike auch verprügeln, denn die Ärzte haben mir erlaubt, wieder Sport zu treiben.

Selber schuld wohlgemerkt. Er hat mir schließlich beigebracht, wie frau* kämpft.
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*kein Tribut an Feminismus, scheint mir einfach angebracht zu sein

This is as merry as we get

Unser Konzept für Weihnachten war denkbar simpel. Die Horrorbrigade schmückte den Tannenbaum. Michael riegelte die Wohnung ab, um sich von ungebetenen Gästen zu schützen. Ich zog Fräulein Fettel die Uniform der Schweizer Gardisten an, setzte ihr einen Morion auf, händigte ein M25 eine Hellebarde aus und kommandierte zur Wache ab.

Ihre Dienste wurden in Naturalien bezahlt: Dampf gegartem Lachs, pochiertem Ei und Rahmspinat. Dies ist Fräulein Fettels Leibspeise. Sie ist eine anspruchsvolle Genießerin.

Wir alle blieben zu Hause, trugen Pyjamas mit lustigen Motiven, machten uns eine große Pfanne Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Austernpilzen (Adschika, Salzgurken, Cherrytomaten eingemacht nach russischer Art und Auberginen mit Kräutern in einer würzigen Essigmarinade rundeten die frugale, aber schmackhafte Mahlzeit ab.), schauten „Strangers with candy“ und kuschelten viel im Bett.

Das Konzept ging auf.

Einen Tag danach fuhr die Horrorbrigade mit den Großeltern aufs Land. Ich verstehe sie. Die Großeltern wohnen in einem alten Haus und halten unzählige Tiere: Schottisches Hochlandrind, Pferde, Ponys, Schafe, Ziegen, Schweine, Kaninchen, Hühner, Hunde, Katzen und sechs fidele Chinchillas. Fräulein Fettel könnte das nie übertreffen.

Unsere Kinder lieben Tiere. Noch mehr gefiel es ihnen, die hohe Felsgebirgstanne vor dem Haus feierlich zu dekorieren.

Währenddessen gingen wir oft mit den Knirpsen in der Stadt spazieren: in Dean Village am Water of Leith entlang, zum Spielplatz in den Meadows, zu den Schwänen und Wildenten im Holyrood Park, in der Street of Light*, zur St Giles’ Cathedral, zum West End, zum Castle Rock, zu den Braid Hills und am Arthur’s Seat.

Edinburgh ist ein wahres Märchen. Diese Wochen waren sorglos, innig und zärtlich. Möge das neue Jahr genauso fröhlich, glücklich und unbeschwert verlaufen.

* * *
Gestern hat es fortwährend geregnet. Mir fehlt der Schnee, aber ich beschwere mich trotzdem nicht. Der Winter meint es gut mit uns. Das Sonnenlicht ist golden. Der Tagesanbruch beeindruckt mit leuchtenden Farben. Sterne illuminieren den trüben Nachthimmel. Kirschbäume blühen in zartem Rosa.

Und das im Januar!
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*West George Street until the 24th December

Lebt wohl, Schmetterlingsorchideen!

Am Silvesterabend feiern mein Mann und ich unser 17-jähriges Jubiläum – die Orchideenhochzeit (in Westeuropa) oder die Rosenhochzeit (in Russland).

Wenn Daniel und seine Frau Haley uns besuchen, bringen sie immer zauberhafte rote Rosen aus ihrem Garten mit. Wenn meine Schwiegereltern vorbeikommen, schenkt uns Michaels Stiefmutter anmutige Schmetterlingsorchideen.

Zwei davon hat ein gewisses Fräulein Fettel hinterhältig ermordet. Einfach so. Aus purer Boshaftigkeit. Ich bin morgens in einem Meer aus Orchideenblüten aufgewacht wie eine aztekische Hohepriesterin im Jenseits.

Was soll ich mit dieser Katze nur machen? Sie mal wieder rehabilitieren?

мгновение

בְּרֵאשִׁית

 

das Mondlicht breitete seinen schimmernden Teppich auf dem kalten Boden aus . die Eichen entwarfen Bildwirkereien mit silbernen Schatten auf nackten Wänden . die unsichtbare Entfernung zwischen Dir und mir erhellten die Sterne

wie unverschämt glücklich konnten wir doch sein . in einem tadellos leeren Zimmer . in dieser letzten . in dieser ersten Nacht

В начале

Katzerina Fettels Alltag

Es war eine stille Nacht. Die Gedanken schweiften ab. Das Harmagedon brach herein. Ich erlebte vor Schreck meine erste außerkörperliche Erfahrung.

Es ist jetzt amtlich. Unsere Katze kann fliegen. Gestern absolvierte sie erfolgreich ihren Jungfernflug im Wohnzimmer. Die Gardine inbegriffen. Und auch die Gardinenstange. Und die Träger. Das Maß ist voll.

Ich wollte heute ein deftiges deutsches Abendessen zubereiten, aber stattdessen wird es geschmorte Katze mit Serviettenknödeln und Rahmwirsing geben. Dazu warmen Apfelstrudel mit Vanilleeis.

Ich muss allerdings erwähnen, dass das zukünftige Schmorgericht nicht besonders besorgt aussieht. Es hat sich hinter der Couch verbarrikadiert, bügelt seinen Kampfanzug, schärft die Krallen und wartet geduldig ab. Sechs weitere Räume mit Gardinen sind schließlich in der Wohnung zu finden.

* * *
Wenn die Katze nicht gerade schläft, frisst, kotzt oder das Gebäude bis auf die Grundmauern niederreißt, fährt sie Rennen. Sie fährt inzwischen einen Rennstaubsauger, einen Renngeschirrspüler, einen Rennwäschetrockner, eine Rennwasch-maschine und ein Rennskateboard.

Aus diesem Grund nennen wir sie Katzerina Fettel. Oder einfach – ach du kleines bescheuertes Scheusal.

You’re a fool, Φιλύρα!

„Wie kannst du mich nur lieben? Ich bin schwach, erschöpft, wankelmütig und charakterlos. Ich. Bin. Völlig. Unnütz.“
„You’re a fool, Φιλύρα! Other than that you’re the best wife in all possible worlds. Du bist nicht schwach. Du bist ein bisschen erschöpft. Du bist weder wankelmütig noch charakterlos. Dich zu lieben ist leicht. Wenn du so willst, bist du meine Karyatide.“
„Versteinerte Hure?“
„Keine versteinerte Hure. Steinerne Göttin. Hör auf mit dem Blödsinn. Du bist meine Galionsfigur, meine Nymphe und meine Hyade, Gebieterin über meine Sieben Meere. Du beschützt meine Galeone vor den steilen Felsen, gefährlichen Riffen und wütenden Sturmwinden. Ohne dich versänke ich auf dem Meeresgrund.“
„Auf dem Meeresgrund sind Ruhe und Geborgenheit.“
„Auf dem Meeresgrund sind Hoffnungslosigkeit und Tod. Ich könnte dich gar nicht lieben, wenn du keine Sonne wärst. Wenn wir zusammen sind, erfüllst du meine Seele mit Licht und Wärme. Wenn wir getrennt sind, bist du meine Armillarsphäre, mein Astrolabium, mein Polarstern. Für dich schlägt mein Herz. Nach dir richten sich meine Gedanken. Zu dir führen alle meine Pfade. Dank dir finde ich jedes Mal aus dem Labyrinth der Verzweiflung zurück ins Leben, meine launische Ariadne. Wegen meiner Liebe zu dir glaube ich an Gott und an den Himmel. Ich liebe dich, Φιλύρα! Bitte weine nicht, es ist halb drei.“
„Ich weine nicht. Ich bin unendlich traurig.“
„Take off your nightie. I’ll show you the way to paradise.“
„Schwachkopf.“
„Ich kann dich leise lächeln hören…“
„Und ich kann dich sehr gut leiden…“

Ты – дурочка, Φιλύρα!

Heliozentrisches Weltbild

Baby, Du bist meine Sonne.

Lach nicht, denn mir ist nach Heulen zumute. Ich bin bitterernst. Leg Deine Hand auf meine Brust und fühl, wie mein Herzschlag aussetzt, wie die Angst meine Kehle zuschnürt.

Du bist meine Sonne, Baby. Hörst Du? D u   b i s t   m e i n e   S o n n e. Keine transzendente, keine metaphysische Sonne, die den Tag in Gold ertränkt, die Luft mit Honig füllt und Gewässer in Bernstein verwandelt. Nein! Keine frostklirrende Polarsonne, deren Licht die Gletscher bricht im ewigen Zuchthaus aus Eis; keine tobende Wüstensonne, die das Leben als Geisel hält, nur um es endgültig zu vernichten. Nein!

Du bist die wahrhaftige Sonne: Wut, Zorn und Ekstase. Verzeih mir! Du bist mein Fegefeuer, mein höllenheißes Gestirn. Deine Strahlen verätzen meine Haut wie Salpetersäure. Deine Wärme schmilzt meine Muskelfaser. Du dringst in mich ein, fließt durch meine Adern, veränderst meine DNA-Helix und schreibst den genetischen Code um, alle Nucleotidtripletts aufhebend: LLL. Du umgibst mich, rankst an mir empor, verschlingst mich von innen nach außen. Du erfindest mich neu, definierst und versiehst mit einem Namen.

Wären wie Sumerer, würde ich Dich anbeten, meine Besitztümer zu Deinen Füßen werfen und meine Seele auf Deinem Altar darbieten wie eine Opfergabe. Lebten wir im alten Ägypten, würde ich Dich in einem Turm ohne Türen einsperren. Ich würde meinen Atem in Dich einhauchen, Deinen Mund küssen, in Deine Brüste beißen und Deinem Schoß huldigen, bis wir uns in Verzückung auflösen. Du würdest in meiner Liebe ruhen. Wären wir Babylonier, würdest Du meinen Untergang bedeuten, und ich würde straucheln, und stürzen, und Dich mit in den Abgrund reißen.

Du gehst nicht auf. Du gehst nicht unter. Du bist immer schon da. Punkt. Aus. Du bist immer schon da gewesen. Flüsternd, heimlich, verborgen, verboten. Auch dann, wenn ich an Dich nicht dachte.

Du ersetzt mich durch Dich. Nichts bleibt übrig. Und alles. © Mike

Über Gebete

XY: Was macht eine temperamentvolle Frau wie du, wenn ihr Liebhaber verreist?
L.: Wir beide wissen, welche Antwort du dir erhoffst.
XY: Ist das so?
L.: Ja, das ist so! Sie betet inbrünstig.
XY: Wirklich?
L.: Wirklich! Sie betet inbrünstig mit einer Hand zwischen ihren Beinen. Das Gebet hört sich folgendermaßen an: „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gooott…“
XY: Haha. Witzig.
L.: Zufrieden mit der Antwort? Übrigens: Wenn der Liebhaber heimkehrt, hört sich das Gebet anders an.
XY: Nämlich?
L.: Mikey, Mikey, Mikey, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gooott…
XY: Ich hasse dich ein wenig.
L.: Ich weiß, ich weiß.

* * *
Ich vermisse Dich unheimlich, Blödmann! Komm nach Hause.

Sternenkinder

Звездные дети:
PStRÄndG, HB 635

Once upon a time, there was Candy and Dan. Things were very hot that year. All the wax was melting in the trees. He would climb balconies, climb everywhere, do anything for her, oh Danny boy. Thousands of birds, the tiniest birds, adorned her hair. Everything was gold. One night the bed caught fire. He was handsome and a very good criminal. We lived on sunlight and chocolate bars. It was the afternoon of extravagant delight. Danny the daredevil. Candy went missing. The days last rays of sunshine cruise like sharks. I want to try it your way this time. You came into my life really fast and I liked it. We squelched in the mud of our joy. I was wet-thighed with surrender. Then there was a gap in things and the whole earth tilted. This is the business. This, is what we’re after. With you inside me comes the hatch of death. And perhaps I’ll simply never sleep again. The monster in the pool. We are a proper family now with cats and chickens and runner beans. Everywhere I looked. And sometimes I hate you. Friday ―― I didn’t mean that, mother of the blueness. Angel of the storm. Remember me in my opaqueness. You pointed at the sky, that one called Sirius or dog star, but on here on earth. Fly away sun. Ha ha fucking ha you are so funny Dan. A vase of flowers by the bed. My bare blue knees at dawn. These ruffled sheets and you are gone and I am going to. I broke your head on the back of the bed but the baby he died in the morning. I gave him a name. His name was Thomas. Poor little god. His heart pounds like a voodoo drum.

                              ― Luke Davies, Candy

At my feet, a squashed tin glints rustily inside a funnel of sand. Around me, silence and a kind of spring emptiness. There is no death. The wind comes tumbling upon me from behind like a limp doll and tickles my neck with its downy paw. There can be no death.

My heart, too, has soared through the dawn. You and I shall have a new, golden son, a creation of your tears and my fables. Today I understood the beauty of intersecting wires in the sky, and the hazy mosaic of factory chimneys, and this rusty tin with its inside-out, semidetached, serrated lid. The wan grass hurries, hurries somewhere along the dusty billows of the vacant lot. I raise my arms. The sunlight glides across my skin. My skin is covered with multicolored sparkles.

And I want to rise up, throw my arms open for a vast embrace, address an ample, luminous discourse to the invisible crowds. I would start like this: “O rainbow-colored gods . . .”

                              ― Vladimir Nabokov, Gods

Alte Last

 

zögere nicht und verzweifle . schlag‘ mir die Flügel ab . du brauchst dafür kein Schwert . ein stumpfes Brotmesser reicht aus . ohne diese Flügel . werde ich nie wieder fliegen . ohne diese Flügel . werde ich lange stark bluten . aber vielleicht . aber vielleicht . aber nur vielleicht . werde ich lernen zu gehen

Wandelt im Geist,

so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen (Gal. 5,16)

Schreibe mit! Es könnte sich als nützlich erweisen.

Überfalle einen völlig fremden Mann in deiner Dusche, wenn er nackt und wehrlos ist, wenn er angenehm duftet. Mach ihn so glücklich, dass er sich vergisst. Lächle ihn danach süffisant an und stolziere feierlichen Schrittes aus dem Badezimmer. Lass ihn einfach erstaunt zurück mit bebender Stimme, schwerem Atem und entrücktem orgiastischem Gesichtsausdruck. Drehe dich nicht um und schäme dich nicht deiner List. Stampfe leidenschaftlich mit nassen Füßen auf den Boden.

Es stellt keinen hohen Kraftaufwand dar und währt nur eine kurze Zeit, versetzt ihn dafür in einen Zustand starker Erregung. Seine Gedanken kreisen den ganzen Tag nur um dich. Er kann seine Finger nicht bei sich behalten, stiehlt alle deine Küsse und macht dich gegen Mitternacht so glücklich, dass du dich vergisst.

Es sei denn, dein Fremder befindet sich in Asien und macht dich mit kurzen Textnachrichten erbarmungslos geil. Gemeiner, verdorbener Sünder!

* * *
Ich bin entspannt und besonnen. Ich ruhe in mir. Das Licht der Tugend umgibt mich. Ich bin eine zarte Blume der Züchtigkeit, die von der Frucht der Begierde nie gekostet und sich am Quell der Triebhaftigkeit nie gelabt hat. Om mani padme hum. Om mani padme hum. Om mani padme… Damn it! Ich blühe auf. Ich werde mich doch letztendlich selbst beflecken, aber der Wille war stark.

Пароксизм шести утра

Four Months

Süßes Glühwürmchen Sole, unser himmlischer Sonnenschein, ist jetzt vier Monate alt.

Mein Schwiegervater hat neulich gemeint, sie wachse gar nicht. Und ob! Sie ist viel größer und schwerer geworden, seit wir sie aus der Klinik nach Hause mitnehmen durften. Fotos lügen nicht.

Was könnte ich über unser Glühwürmchen sagen? Sie schläft weniger. Sie ist deutlich aufgeweckter. Sie ist unglaublich ungeduldig. Sie erforscht die Umgebung und lutscht an allem drum herum. Sie nimmt das Spielzeug in den Mund und kaut mit Freude an ihrem Beißring. Die Katze gefällt ihr. Ihre Schwester gefällt ihr. Ihre Brüder gefallen ihr. Auch der Taufpate. Aiden, verzweifle nicht!

Kleidergröße 62. Frisch geimpft, daher quengelig.

* * *
Unser Herzchen versucht sich zu drehen. Das Liegen auf dem Rücken ermüdet sie. Sie ist wissbegierig und will sich bewegen. Sie wedelt mit den Ärmchen, hilft sich mit den Beinchen, greift nach dem Rüssel des violetten Plüschelefanten und dreht sich auf die Seite. Dann verlassen sie die Kräfte. Sie ist halt noch ein Winzling. Sie ist griesgrämig und beschwert sich, also gebe ich ihr den letzten Schubs. Wenn sie zufrieden auf dem Bauch liegt, lobe ich sie. Sie lächelt. Ich schmelze dahin. Pures Glück.

* * *
Höre ich ihr nebenbei zu, wie sie sich mit mir, mit den Engeln oder mit der Außenwelt unterhält, bekomme ich den Eindruck, wir hätten einen kleinen Drachen gezeugt, denn kein Menschenkind gibt vor sich solch rätselhaften Laute.

Topografie der Küsse

Auf Deine Schläfe, hinter Deinem Ohr, in Deinem Nacken, an Deinem Hals, auf Deinen Mund, auf Deine Drosselgrube, zwischen Deine Schulterblätter, entlang Deiner Wirbelsäule, auf Deine Lendenraute, unter Deine Achselhöhle, auf das Muttermal am Ansatz Deiner Brust, auf das Muttermal an Deinem Knie, auf das Muttermal an der Innenseite Deines Schenkels, auf Deinen Bauchnabel, auf Deinen Venushügel, zwischen Deine Beine

küsse ich Dich in meinen Gedanken. Immer und immer wieder. © Mike

Über Sumpftrolle & Schurken

Drei Schurkereien vollbrachte die Katze am Wochenende:

1. Sie bezwang nachts die hohen Gipfel der Gardinen im Speisesaal. Wir mussten sie retten.
2. Sie entführte meine Merinowollsocke und hüllte sich in Schweigen. Die Socke verzweifelte derweilen am Leben in einem düsteren Verlies.
3. Sie zähmte zu guter Letzt das mystische Ungeheuer namens Kobold VR200 und ritt es tollkühn durch die Wüste des Wohnzimmers. Unser kleiner Sohn, der achtzehn Monate alt ist, eiferte ihr nach.

* * *
Mein Mann geht heute für drei Wochen auf Geschäftsreise. Ich bleibe zu Hause und fechte um mein Ansehen als Alleinherrscherin gegen fünf niedliche, reizende, grandiose und unglaublich freundliche Sumpftrolle.

Omnes sancti Angeli et Archangeli, omnes sancti beatorum Spirituum ordines, omnes sancti martyres, orate pro nobis. Propitius esto, parce nos, Domine. Propitius esto, exaudi nos, Domine. Amen.

Das wird lustig.

Über außerirdische Entitäten

Meinen Mann stelle ich auf dem Übungsgelände inzwischen nur so vor:

Das da hat mich vor fünf Jahren, nach zwölf Jahren wilden Treibens, unbegreiflicherweise geschwängert und geehelicht. Es nennt sich Michael. Model XY der Luxusklasse. Hochintelligent, hochbegabt, hochgewachsen. Kann gut kochen. Kann gut küssen. Macht wunderschöne Kinder.

Als ich fünfzehn war, verlor ich meine Unschuld an ihn. Als ich zwanzig war, erklärte er mir den Umgang mit einer Beretta 92. Als ich fünfundzwanzig war, überlebte er einen schweren Anschlag während der Befreiung des irakischen Volkes von Erdöl und Erdgas zu Gunsten amerikanischer Konzerne. Shock and awe. Shit happens, buddy! Als ich dreißig war, schenkte er mir ein desolates Herrenhaus mit einem Obstgarten. Als ich fünfunddreißig war, lehrte er mich mit einem Recurvebogen zu schießen. Jetzt befindet sich auch eine Armbrust Orion von Scorpyd in meinem Besitz. Ich übe tüchtig. Ich bin eine Prophetin der Endzeit.

Sieht wie ein Mann aus. Hört sich wie ein Mann an. Fühlt sich wie ein Mann an, wenn er in mir drin ist. Ist aber in Wahrheit eine feindselige außerirdische Entität, die zur Erde abgesandt wurde zwecks Versklavung der Menschheit.

Was war passiert? Er wurde einer nackten Frau ansichtig, erkannte sie und vergaß den Befehl. Seitdem schlage ich mich mit ihm herum, ohne mit dem Schicksal zu hadern, denn das Leid erleuchtet die Seele, beflügelt den Geist und veredelt das Wesen.

* * *
Folgendermaßen schätzt er sich selbst ein: A Résumé (English).

Zu bescheiden, wie ich finde.

Doppeltes Glück

Unsere hübschen, gutherzigen, seelenvollen, lebenslustigen, lauten, verzogenen, endlos geliebten Goldkinder sind heute Nacht vier Jahre alt geworden.

Sie sprachen vor wenigen Wochen recht bescheidene Wünsche aus und wollten unbedingt das festliche Essen par excellence kredenzt bekommen:

leckere Piiizzza!!! Yippee!

Wir küssen euch und umarmen fest, unsere honigsüßen Engel!

Three Years (English, русский)
Два года (русский)

Küsse

Meine Seele . findet Ruhe . zwischen deinen . schönen Beinen. © Mike

* * *
Sanft geweckt . von deinen Küssen . auf meinem Venushügel.

* * *
Deine Küsse — . gezähmte Schmetterlinge — . flattern sanft auf meinem Venushügel.

Plötzlich Vater

Michael war zwei Tage in Aberdeen, deswegen hat sich Kostja zu einem Anruf nach Berlin hingerissen. Als der Hörer am anderen Ende der Leitung abgenommenen wurde, hat er fröhlich gegrüßt:

Daddy, Daddy, hallo Daddy, ich vermisse dich sehr.

Noch nie in seinem Leben war der kinderlose Simon so nah an einem Herzinfarkt.

Kids rule!

* * *
Майк был два дня в Абердине, поэтому Костя решил порадовать его звонком в берлинский офис. Когда на том конце провода сняли трубку, он с энтузиазмом поздоровался:

Папочка, папочка, привет, папочка, я по тебе скучаю.

Еще никогда в своей жизни не был бездетный Саймон так близок к инфаркту.

Завтра позвоним в Сан-Антонио. Взбодрим бездетного Гидеона.

Like Father, Like Daughter

Am Donnerstag hat meine Tochter den Speisesaal dekorativ verschönert. Bei der Einnahme der Mahlzeiten betrachte ich jetzt mit zarter Ergriffenheit an der Wand unter dem Fensterbrett den Ehrenkodex der USMA, an der ihr Vater ausgebildet wurde:

A cadet will not lie, cheat, steal, or tolerate those who do.

Die Handschrift ist noch unbeholfen. Die Buchstaben hüpfen wie übermütige Hasen. Ihre Größe und Form variieren ständig. Wen kümmert’s?

Die Tochter strahlt. Der Vater ist selig. Die Katze kotzt vor Begeisterung im Wohnzimmer.

* * *
Am Freitag hat meine Tochter unerwartet herausgefunden, dass das Zeitalter der Auflehnung gegen die elterliche Unterdrückung angebrochen war. Sie hat sich ihre wunderschönen lockigen Haare vor einem Spiegel selber geschnitten. Die Zwillinge haben geholfen.

Leider könnte ich nicht annähernd beschreiben, wie elend ihr Vater ausgesehen hat, als sie sich ihm in ihrer optimierten Gestalt offenbarte.

Seit dem Friseurbesuch am Samstag trägt sie übrigens den gleichen Haarschnitt wie er während seines Dienstes beim Militär.

* * *
Indes bringt sich die Katze bei, wie man einen Staubsauger fährt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Mammut oder der böse November

Meine Güte, wo kommen die Mücken her? Es ist doch Mitte November!

Die Katze freut sich allerdings. Sie fängt die Mücken und verspeist sie genüsslich; dabei schmatzt und grunzt sie so laut, als hätte sie ein Mammut niedergestreckt und würde es samt Knochen vertilgen.

Ich erwarb in einem Laden eine Insektenfalle mit blauem UV-Licht. Die Mücken hat sie nicht angelockt. Mein kleiner Sohn und eine fette Fliege haben sich aber äußerst interessiert gezeigt. Nachdem die Fliege medium well war, hat es im Schlafzimmer so bestialisch gestunken, als hätte die Katze das erlegte Mammut vor dem Verzehr auf dem Rost gegrillt.

Das Fenster steht offen. Die Katze jagt auf dem Balkon eine Libelle. Eine Libelle! Was soll das?

Diese Ereignisse erinnern mich an die Novelle „Der Alligator oder das böse Jahr“ von Frank Thiess.

Nun warte ich auf die Wiederkehr der Schmetterlinge.

IQ in Zentimetern

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der IQ einiger Männer in Zentimetern gemessen wird. I.e.,

sein IQ beträgt fünf Zentimeter. Im erigierten Zustand.

Ob dies wissenschaftlich nachgewiesen wurde?

Du bist…

… meine Königin, meine Ketzerin, meine Göttin. Du bist meine germanische Kriegerin und meine florentinische Kurtisane. Du bist mein innigster Gedanke und mein sehnlichster Wunsch. Ich entdecke Dich, ich erkenne Dich, ich bekenne mich zu Dir.

Du bist mein Aberglaube, mein Irrglaube, mein Glaube. Du bist mein Lieblingsgemälde, meine kunstvolle Skulptur, mein erhabener Tempel. Ich lese in Dir wie in einem Liebesgedicht und finde jedes Mal neue Zeilen. Du bist meine Kerze in der Nacht und meine Sonne am Tage. Du verführst mich und gibst Dich mir hin. Du küsst mich gierig und entziehst Dich meiner Liebkosung. Du spielst mit mir, reizt mich, bringst mich um den Verstand, dann tänzelst Du, lachst und versprichst das Paradies auf Erden.

Du bist mein Wunder, mein Geheimnis, meine Sehnsucht. Du bist meine Ewigkeit, die Zeit davor, das Leben im Jenseits. Du bist meine Wirklichkeit und mein Traum, meine Zauberin und meine Hexe. Du bist meine zarte Lindenblüte, mein erquickender Wasserfall, meine Schöne. Du bist mein Mädchen, meine Freundin, meine Geliebte.

Meine verboten Frau, mein angetrautes Weib, mein geliebtes Wesen.

Ich liebe Dich bis zum Wahnsinn.

Komm, zieh Dich aus, lass uns ficken. © Mike

postapokalyptische Romantik

durch die zerstörten Kirchenmosaiken . in einem zerbrochenen Fensterrahmen . neben einem Menschen Löwen Adler und Stier . neben all den Cherubim Seraphim und Thronen . sehe ich jeden Morgen beim Aufwachen . einen grauen obszönen postapokalyptischen Himmel . behangen mit bleiernen und giftgrünen Wolken . ich könnte sie schön nennen . wären sie nicht so träge

in der stillgewordenen Welt existieren fast keine Farben . keine zwitschernden Vögel keine brandenden Wellen . keine aufkeimenden Blüten auf entschlafenen Bäumen . es herrschen Seuche Verwesung und radioaktiver Fallout . unter dem grauen obszönen postapokalyptischen Himmel

es gießt immerdar in Strömen . heißen Schwarzen Regen mit Cäsium und Strontium . es gibt nur selten einen Wind dafür aber die Sonne . diese heiße gleißende Sonne die unsere eiskalte Welt verbrennt . mit ihren nuklearen Strahlen . durch das enorme Ozonloch

nachdem fünftausend Megatonnen explodiert hatten verbrannte die Welt zu Asche . versank in Ruß und Staub . es überlebten nicht nur die Stärksten im Lichtblitz der Apokalypse . eine natürliche Dezimierung ein Leben getaucht in Dämmerung

mein Erzengel trägt keine Flügel keinen byzantinischen Nimbus . es befinden sich in seinem Besitz weder Tunika noch Sandalen . über seinem Gefechtshelm rotieren stählerne Rotorblätter . er ist ein eschatologischer Bote ein Krieger des Fegefeuers

jeden Morgen beim Aufwachen versuche ich krampfhaft zu finden . eine vollkommen erneuerte Sprache obsolete disponible Wörter . vergessene linguistische Konstrukte die mir helfen könnten . meine Liebe zu ihm zu definieren

in dem willkürlichen Chaos

Die Würde des Erzengels ist…

LINDE: (In einer fröhlichen Runde, leise ins Ohr flüsternd) Wo ist mein versprochener Orgasmus?
ERZENGEL: Was denn? Jetzt gleich?
LINDE: Ja, unbedingt.
ERZENGEL: Na gut. Du lenkst die Meute ab, während ich würdevoll unter den Tisch gleite.

* * *
ERZENGEL: Ich habe echt kein leichtes Leben hier, Kate. Du kannst mir aufs Wort glauben. Ich werde permanent beleidigt, als Vollidiot beschimpft und mit Orgasmen stillgestellt.
KATE: Oh you poor baby! Lass mich dich aus deinem Elend erlösen und deinen Platz einnehmen.
ERZENGEL: Just keep dreaming, darling. Nein, ich werde diese Bürde weiterhin selbstlos mit Würde ertragen.
KATE: Verstehe ich gut, ich würd‘ auch nicht tauschen wollen, obwohl ich zugeben muss, dass mich die Dualität ‚Orgasmus gegen Würde‘ doch sehr reizt, und ich dich ganz gerne deine Würde bei einem Orgasmus bewahren sehen würde. Nicht aus voyeuristischen Überlegungen heraus, wo denkst du hin, aus reinem Wissensdurst.

Über Geilheit und schriftstellerische Begabung

Weißt Du noch? Meine erste unanständige Geschichte schrieb ich, nachdem wir miteinander gefickt hatten. Ich saß auf dem Bett mit gekreuzten Beinen und spürte, wie Dein Samen aus mir langsam sickerte. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Du warst dabei keine Hilfe. Du lehntest mit Deiner nackten Brust gegen meinen Rücken, küsstest meinen Hals, fuhrst mit Deinen Händen über mein Becken, streicheltest die Innenseite meiner Oberschenkel und flüstertest mir Schweinereien ins Ohr, bis ich es vor Geilheit nicht mehr aushielt, in Deiner Umarmung versank und mich Dich hingab — wieder und immer wieder.

Es dauerte eine Weile, aber die Geschichte ist gut geworden. Man munkelte, Du hättest sie geschrieben, denn keine Frau benutzt so eine derbe Sprache. Ich wurde königlich entlohnt. Vom Geld konnte ich mir ein schönes Kleid kaufen, mit Dir in ein Restaurant schick essen gehen und danach hart bis zur Erschöpfung ficken. Ich brauchte schließlich eine neue Geschichte ;)

Nel cuore della notte

Das geisterhafte Königreich des Schattens eroberte die Welt der Abenddämmerung. Wie ein Falke breitete es seine Flügel über die ganze Stadt aus und verdeckte die Sicht zu der lebendigen Wärme des Lichtes.

Auf dem düsteren Baldachin des Himmels erschienen Myriaden von Sternen, flimmernden kostbaren Edelsteinen, die ihre Magnifizenz dem Ozean abgrundtiefer Finsternis darreichten. Bronzene Laternen ähnelten den erstarrten Hütern der Gebieterin Nacht. Kein Geräusch, keine Stimme störte die Einsamkeit und den stolzen Schlaf der Bäüme entlang des Pfades. Die Hektik des Glanzes wich devot der Erhabenheit des Reiches der Nacht. Mit einem Schleier des Arkanums umhüllte sie die Welt. Die Macht der inspirierenden Ruhe gebot über jede bestehende Erscheinung unter der Sonne.

Ich ging durch die Dämmerung des Gartens. Ich kannte die Nacht. Sie war meine treue Gefährtin. Die Obhut gewährte sie mir, bot mir die Sicherheit an. Sie sprach zu mir durch ihr Schweigen und brachte den Frieden in meine desperate Welt.

Seit einer Ewigkeit flüchtete ich mich in ihre Arme. Ich entsagte dem Schrecken der Erinnerung. Ich floh vor meinem Herzweh, Vereinsamung und Zerrissenheit. Ich stellte mir Fragen, sehnte Antworten herbei. Es gab aber keine.

Ich bat ihn um Erlösung; ich bat ihn, mich gehen zu lassen. Seine Antwort war aber stets die Stille.

Zärtlichkeit ist, wenn ich sehe,

wie Deine Augen leuchten, wie Deine Stimme sich verändert, wie Dein Atem sich beruhigt, aber die Hände trotzdem fast unmerklich zittern.

Dann ziehst Du mich hoch, küsst zum Abschied auf den Mund und drückst fest an Dich, sodass mein Herz vor Liebe zu Dir schmerzt, Michael.