Linda Goes Berlin*

Oder: Eine Biene im Honigtopf

Am Samstag hat sich mein Weisheitszahn, das querulante Arschloch, wieder gemeldet als Memento an die heitere Lebensfreude, die vor zwei Wochen Besitz von mir ergriff und uns alle mit märchenhaften Augenblicken überschüttete: „Das Leben ist Marter. Sei nicht übermütig. Fröne keiner Völlerei. Weiche von Ilja. Du bringst ihn aus der Ruhe. Hallöchen! Wie geht’s? Hast mich nicht erwartet, gell?“ Dann kichert er und meißelt sumerische Piktogramme mit gewaltigen, dröhnenden, quälenden Hammerschlägen in meinen Unterkiefer.

Wenn ich die Bilderschrift richtig entschlüsselt habe, handelt der Traktat von unprätentiösem Wesen, Ergebenheit und noch mehr Demut.

Ob ich ein Sommercamp für Kinder eröffnen sollte?

* * *
Die Zahnschmerzen lindern Salbeitee, Gewürznelken und ein sanfter sinnlicher Mann.

Das Urchaos in den Kinderzimmern merzen freiwillige kleine Monster, Spülmittel und ein Wischmopp aus.

Gegen Iljas Abreise hilft keine Panazee, aber ich werde mit Crêpes Suzette und Champagner zum Frühstück fürliebnehmen.

* * *
Bleibt gesund! Hadert nicht mit dem Schicksal. Und ich frohlocke, denn morgen findet das Konzil mit Herrn Dr. G., dem Heiligen meines Vertrauens und dentalen Exorzisten, statt.
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*„Ingrid Goes West“, Schein vs. Sein, empfehlenswert

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Das Glück

Warum denke ich bloß an Michael, immer wenn ich eine Kornblume sehe?

* * *
Ich bin die Verkörperung der Demut. Ich wohne seit einer Woche mit zwölf Kindern in meinem Kibbutz. Beat me!

Ich war nie glücklicher. Es gibt nichts Besseres. [Trotz der Proteste unserer Katzen.] Der Mann kommt auf dumme Gedanken und würde gerne die Kontrazeption absetzen. Ich verbarrikadiere mich in meinem Schlafzimmer. Wenn Du mich bumsen willst, mach’s einfach, weck mich nicht auf. Ich schlafe ein, kaum mein Kopf das Kissen berührt.

* * *
Am Wochenende verabschieden wir den schönen Wolgadeutschen, seine Frau Nadja und deren beide Kinder. Ilja darf ich auch nicht behalten. So gemein.

Chris und Theresa schließen sich dem Grillfest an. Sie haben zwei Kinder :D

Die Meilensteine

„Was willst du hier, Muttersöhnchen? Verpiss dich von meinem Grundstück!“
„Heiliger Himmel, du bist wunderschön.“

Dies waren die Worte, die mein Mann und ich vor zehn Jahren nach einer 6-jährigen Trennung miteinander wechselten.

„Der Mond ist auf die Erde gestürzt… Was war das denn? Wann hattest du das letzte Mal Sex?“
„Vor sechs Jahren. Alles Andere war Masturbation: egal, ob mit der Hand oder mit einem Frauenkörper.“

Dies waren seine Worte, nachdem ich das erste Mal Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. von ihm gehört hatte. Es bedurfte einer Nichtigkeit: acht Jahre zusammen, sechs Jahre in parallelen Wirklichkeiten. Ich verhielt mich unnachgiebig. Es waren immerhin fast zehn Minuten seit unserem Wiedersehen verstrichen, bevor er in mir das erste Mal in dieser Nacht kam.

„Heirate mich.“
„Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden.“
„Du hast mich verstanden. Heirate mich. Ich bin kein schlechter Mann. Du wirst es gut bei mir haben.“

Wir lagen im Bett. Mein Bauch wölbte sich. Ich habe nie an unserer Ehe gezweifelt.

„Gott, was machen wir jetzt?“
„Sorge dich nicht. Wir schaffen das. Ich werde jedes Kind großziehen, das du mir schenkst.“

Wir hegten ein Baby um. Wir erfuhren gerade vom Gynäkologen, dass ich mit Zwillingen schwanger bin. Mein Herz rutschte in die Fersen. Für einen kurzen Augenblick sah ich, wie das Blut aus seinem Gesicht wich.

Ich bin stolz auf meinen Mann. Sein Wille ist ehern. Ich werde mich nicht mit fremden Federn schmücken, obwohl er oft genug betont, dass hinter einem erfolgreichen Mann immer eine starke Frau stehe*.

Ich glaube, ich hatte keinen Vogel abgeschossen. Der Phönix selbst ging freierdings in mein Netz. Zu seinem Versprechen bekennt er sich bis heute. Er kümmert sich inbrünstig um meine Kinder, und sie schauen zu ihm auf.

Die Romantik ist überbewertet. Nur die Taten zählen. Gestellte Fotografien in sozialen Medien verwandeln das Leben nicht in ein Märchen.

Fata Morganas bleiben Fata Morganas. Die Erzengel sind echt.
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*Wer ist der Autor dieses Zitats?

Happy Father’s Day!

Haley: Was hast du Mike zum Vatertag geschenkt?
L.: Rote Rosen, Springbank 45yo und mich. Die Blumen hat unsere Große geklaut. Sie sind in ihrem Kinderzimmer zu bewundern. Den Whisky wird er bei Texas Hold’em mit seinen Kumpels an einem Freitag genießen. Ich wurde ausgepackt. Was hast du Daniel geschenkt?
H. (lachend): Motivsocken, aber er hat mich trotzdem ausgepackt.

Baby, we’re the lucky ones. You are the greatest and most precious gift from Heaven. We love you and we feel your love wherever we go. You’re the best father in the world. Every single day.

* * *
Am 29. Juni endet für die Horrorbrigade das Schuljahr. Danach werden wir mit Haley und Daniel, Nadja und Ilja von Edinburgh über Helgoland durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Glückstadt segeln*. 450 Seemeilen.

Hach, ich freue mich auf meinen Bruder, meine Freunde und meine Tiere.
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*Ahoi! Ahoi! Frau über Bord!

3 ;)

XX: Du bist also Single und dreifache Mama…
L.: Äh…
M.: Das ist richtig.
XX: Bist du ihr Freund?
M.: Nein, Liebhaber. Ich bin glücklich verheiratet und ziehe mit meiner Gattin fünf wunderbare Kinder groß.
XX (verdutzter Blick): Nett.

L.: Musste das sein?
M.: Wechsle nicht das Thema. Warum erwähnst du mich so selten, dass man denkt, du wärst vogelfrei?
L.: Ist das nicht offensichtlich? Ich schäme mich für dich.
M.: Ist dir klar, dass du mich gerade herausgefordert hast?

Erzengel und Linde: 101 Geschichte, 30 weitere als „privat“ gekennzeichnet
us: 363 Geschichten
kids: 294 Geschichten

Wie hält er es mit einer undankbaren Egoistin nur aus? Der Mann ist ein Heiliger.

* * *
Weiterlesen

Mamas‘ Willkür

Ich fuhr mit dem Bus zu einem Date. Der Busfahrer bremste plötzlich. Ich nieste, furzte, biss mir auf die Zunge und pinkelte vor Verlegenheit in die Hose. Alle haben gelacht.

* * *
Welche Frau würde freiwillig diesen peinlichen Vorfall mit der ganzen Welt teilen? Das Gerücht hält sich schließlich hartnäckig: Prinzessinnen kacken nicht.

Ich verhandle mit Michael:

„Du Baby [koketter Tritt gegen das Schienbein]…“
„Was willst du?“
„Wir haben noch Bier. Ich schlage einen burping contest vor. Der Verlierer macht den Abwasch.“
„Ich verzichte.“
„Feigling!“
„Ich bin nicht feige. Ich gehe keine aussichtslosen Wetten ein.“

Darn my luck! Ich bin keine Prinzessin und – ich bevorzuge die Au­to­fahrten.

* * *
Warum schämen sich viele Frauen für solche Fauxpas? Warum schämen sich keine Mütter, die in den ‚coolen Mamablogs‘ ihre Kinder bloßstellen: peinliche Bilder mit verschmierten Gesichtern, in der Badewanne sitzend, auf der Toilette hockend, fast nackt mit nasser Windel; liebevolle Beschreibungen des Erbrochenen, Details über die Konsistenz der Fäkalien oder die Farbe der Expektoration?

Begreifen sie nicht, dass die Kinder nicht ihr Eigentum sind, das sie nach Lust und Laune zu merkantilen Zwecken veräußern dürfen? Das sind einzigartige, neugierige, vorurteilsfreie kleine Menschen, die zu jungen denkenden Menschen heranwachsen und sich kaum dafür bedanken werden.

Und die verurteilen mich?!

Vergebt mir meine jugendliche Naivität. Ignorance is bliss.

Über die Schuhe

M.: ´Ne Frage…
L.: Geh weg, Michael!
M.: Sei nicht unhöflich, Linda! Wurdest du von Katzen aufgezogen? Nein? Warum sagt ihr nicht „Fußschuhe“?
L.: Was?!
M.: Wie „was“? „Handschuhe“: Das Wort kennt ihr. Sonach: „Fußschuhe“, „Kopfschuhe“, „Rückenschuhe“, „Eierschuhe“. Logisch – nicht?
L.: Du bist ein Vollidiot.
M.: Und du hast diesen Vollidioten geheiratet. Warum weinst du, mein Täubchen? Bitte weine nicht.

Wake up, Baby! You’re Dreaming.

Ich eiferte meinem kleinen Sohn nach. Ich warf mich auf den Boden. Ich drehte mich um die eigene Achse: nach links, nach rechts, nach oben und nach unten. Ich strampelte mit den Beinen in der Luft und kreischte empört: „Winter, geh nicht weg! Winter, bleib bei mir!“

Was ist das? Was soll das? Maiglöckchen?

* * *
Am Sonntag kehrten die Kinder meines Mannes aus der Verbannung von der Insel der Wolken heim, wo sie ihre Schulferien verbracht hatten, und überredeten den Frühling zu einem Besuch.

Ich bin untröstlich. Aus Protest schließe ich mich in der TK-Truhe ein.

Edinburgher Zoo

Wie schnell doch unser Leben geworden ist. Du verreist für eine Woche und kehrst in eine völlig veränderte Realität zurück.

Deine Familie wohnt jetzt unten, in einer gemütlichen Deckenburg, die sich in einer malerischen Couchlandschaft befindet. Oben im Badezimmer haben sich Puppen und Quietscheenten eingenistet, weil dein Kind abends majestätisch badet. Wir brauchen mehr Schaum, Mama! Deine Frau hat ihren vierten guten Vorsatz gebrochen und trainiert wieder, obwohl du dich so sehr darauf gefreut hast, dass sie weitere 50 kg zunimmt und du sie überall als „meine Frau, der deutsche Kartoffelknödel“ vorstellen kannst.

Verdammt nochmal!

Ärgere dich nicht, Baby. Fräulein Fettel, dieses Symbol der Beständigkeit, schaukelt starrsinnig auf den Jalousien, denn die Gardinen gehören der Vergangenheit an.

Hach, was waren das für unbekümmerte Zeiten, damals – vor sechs Tagen.

Ein Quäntchen Hoffnung

Der Mann hat sich erkältet. Die Große hat gezickt. Die dritte Klasse sei völlig überflüssig; sie wisse genug und strebe sowieso eine Karriere in Vaters Firma an. Wessen Charakter sie wohl geerbt hat? Die Kleine hat schlecht geschlafen. Fräulein Fettel hat auf meine Laufschuhe gekotzt. Seht aber, wie herrlich es draußen ist.

Jetzt muss ich lediglich herausfinden, wie ich dem sterbenden Schwan verdeutliche, dass er nicht den ganzen lieben Tag in einem Pyjama unter vier Decken auf dem Sofa im Wohnzimmer verbringen kann, sondern aufstehen und mich mit den Hunden in die Meadows begleiten soll. Das Wetter ist so schön.

Wünscht mir Glück.

Gefangen im Reich aus Eis

Hilfe! Die Stadt versinkt im Schnee. Die Schneeflocken kann man zwar an einer Hand abzählen, aber es ist trotzdem schön zu Hause zu sein. Unsere süßen Bären bauen auf dem Balkon ein Schneemonster. Fräulein Fettel lacht sie aus.

Noch drei Tage der Muße, dann wird der Zauber der Weihnacht endgültig verflogen sein und der Alltag wieder einkehren.

Thank you for the wonderful time we spent in paradise, honey.

Fernab der Traumbilder

oder: Der geschäftstüchtige Exhibitionismus in den asozialen Netzwerken

Meine Frau kochte; ich aß, bis ich ohnmächtig wurde. Das Bier schmeckte erfrischend herb. Der Waschbrettbauch packte seine Koffer. Der Waschbärbauch winkte ihm zu und giggelte fies. Vielleicht lege ich mir eine Glatze zu. Ob die Frau sich darüber erzürnt?

Morgens wachte ich nackt auf – erschöpft, aber ungemein entspannt. Nächstes Jahr werde ich versteckte Kameras über dem Bett installieren, um zu erfahren, was sie mit mir Nacht für Nacht anstellt. Ich fühle mich ausgenutzt und schmutzig. Manchmal weine ich mich sogar in den Schlaf, während sie sich auf die andere Seite dreht und zufrieden schnarcht.

Am Tage tobten die Pferde mit den Kindern auf der Wiese, nachdem wir Tove Janssons Geschichten gelesen und eine Vogelbeere mit Strohengeln geschmückt hatten. Abends gingen wir mit den Hunden im Wald spazieren. Ich kann mich nicht beklagen, obwohl ich oft verhindern musste, dass die Frau vom Winde verweht wird. In Edinburgh schneite es. In der Mark setzte der Dauerregen ein.

Ach ja, fast vergessen: Zu Weihnachten beschenkte sie mich. Ich bekam einen Lachanfall. Bald wälzte auch sie sich vor Lachen auf dem Boden. Wir lachten Tränen. Sex fiel aus. Ich weinte mich wieder in den Schlaf. Baby, Du bist so doof. Wer schenkt bitte schön einem Mann Kondome, die im Dunkeln leuchten?

Alles in allem tat uns das stille Leben in der Abgeschiedenheit gut. Nein, nein, ich seufze nicht, mir stockt einfach der Atem. Ich bin glücklich.

* * *
Meine Vorsätze für 2018:

  1. Erwachsen werden.
  2. Sich ernst nehmen.
  3. Dem Blödmann seinen sehnlichsten Wunsch zum 8. März erfüllen.

Luminous Evening

Der Botanische Garten verwandelte sich zur Weihnacht in einen funkelnden Zauberwald, in dem das Licht über die Dunkelheit triumphiert. Ein wunderbarer Ort für vier Elfen und zwei Drachen.

Aber zu viele Mistelzweige, wenn ich’s mir recht überlege. Die Elfen busselte ich 16000 Male ab. Der Drache gab sich mit 1000 Küssen zufrieden. Ich wurde mit heißem Gaelic Coffee bestochen.

Ein gelungener Ausflug in eine feuerfarbene Märchenwelt trotz der Kälte.

Sonntagnacht

Sonntagnacht, 4:30 Uhr. Der Fremde, der die Hälfte meines Bettes fürs Wochenende gemietet und seine Schulden in frei konvertierbaren Orgasmen beglichen hat, freut sich auf seinen zehnten unkeuschen Traum. Ich liege daneben, starre auf das Dachfenster über meinem Kopf, in dem kein einziges Sternchen flimmert und überlege, ob ich den dreisten Träumer auf die Rippen schlagen oder gegen das Schienbein treten soll. Ich bin nämlich abgrundtief gemein und beneide ihn seit Jahren um seinen Schlaf. Da kommt mir mein Kind zuvor.

Sonntagnacht, 4:40 Uhr. In der Dunkelheit erklingt eine unzufriedene Stimme:

„Papa? Papa, Papa, Paaapa.”
“Sweety, was ist los?”
“Mir ist kalt, Papa.”

Er steht auf, holt noch eine Decke, knuddelt das Kind, küsst das Kind, legt sich wieder hin, begrabscht beiläufig die Frau, ohne wirklich zu erwachen.

Sonntagnacht, 4:50 Uhr. Die Stimme meldet sich zurück:

„Papa? Papa, Papa, Paaapa.”
“Sweety, was ist los?”
“Mir ist heiß, Papa.”

Er steht auf, holt eine weitere Decke, weder zu dünn noch zu dick, stößt mit voller Wucht mit einem Zeh gegen den Schrank, flucht – oh, wie herrlich dieser Mann flucht –, knuddelt das Kind, küsst das Kind, legt sich wieder hin, wirft der Frau einen vorwurfsvollen Blick zu, entscheidet sich kurzerhand doch fürs Fummeln um.

Sonntagnacht, 5:05 Uhr. Die Spannung steigt.

„Papa? Papa, Papa, Paaapa.”
“Sweety, was ist los?”
“Papa, ich bin hungrig.”

Er steht auf, bringt ihr Kekse und Mandelmilch, wärmt sie, umarmt sie, während sie ihren Snack verputzt und ihm Geschichten erzählt, deckt sie zu, knuddelt und küsst, legt sich wieder hin. Hey, was ist denn aus Grabschen und Fummeln geworden?

Sonntagnacht, 5:20 Uhr. Die Apokalypse kündigt sich an.

„Papa? Papa, Papa, Paaapa.”
“Sweety, was ist los?”
“Papa, ich habe vergessen, meine Zähne zu putzen.”

Sonntagnacht, 5:35 Uhr. Erinnert ihr euch an die unheilvolle Musik aus Hitchcocks Filmen? Ja, ja, die hört man deutlich im Hintergrund.

„Papa? Papa, Papa, Paaapa.”
“Poppet, willst du nicht noch ein bisschen schlafen?”
“Papa, ich muss aber dringend auf die Toilette.”

Sonntagnacht, 5:55 Uhr. Die Tür geht auf. Im Zimmer erscheint das Fass auf vier kurzen Pfoten, welches wir Fräulein Fettel nennen. Im Türrahmen dahinter steht der kleine Engel mit verwuscheltem Haar:

„Mami, ich möchte mit dir kuscheln. Fahren wir heute zur Farm und streicheln die Ziegen?“

* * *
Versteht ihr, warum Michael gestern so schweigsam war? Komisch.
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Die Chronik eines Verbrechens (или Кто украл мои трусы?)

Das Lichtfest

Wir sind neuerdings Heiden und feiern Samhuinn.

Wir verbrüderten uns mit den Bewohnern des Elfenhügels an einem Feuer. Mit den Schicksalsfrauen des Feen–hügels tanzten wir zum Gedröhn der Trommeln. Ich wollte dem Gott der Unterwelt eine Opfergabe darbringen, aber Michael sagte, das sei eine Bitte um Fruchtbarkeit, also boxte ich ihn in den Bauch und teilte Karamell–bonbons mit der Anführerin der Konföderierten Drachenstämme des Orion.

Der Tod fand an mir Gefallen, darum durfte ich ihn nicht mit nach Hause nehmen.

Den Krieger durfte ich leider auch nicht behalten.

Es war lebensbejahend, fröhlich und laut. Die Gebieter der Wolken zeigten sich uns gewogen.

Zum Ausklang des Abends wurden macaroni cheese verzehrt und real ale getrunken in einem gemütlichen gay pub* in Calton Hill. Sie verschenken aus purer Freude am Leben Kondome und Gleitmittel. Ich habe nicht alles mitgehen lassen. Ehrlich nicht :)
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*macaroni cheese, real ale, gay pub – absolutely, diese Schreibweise stimmt mit den reformierten Rechtschreib–regeln überein. Was heißt hier, lüge doch nicht so dreist? Eine Unverschämtheit!

Etwas bewirken

Gewissenlose Rabeneltern laden ihre Horrorzwerge vor der Wohnungstür der Großeltern ab. Die Mutter schleppt den tugendhaften Vater in die Höhle und kettet ans Bett, um mit ihm unsäglich verdorbene Dinge anzustellen.

Der Herbst ist da. Die Katzen fliegen gen Süden.

Eine Sorge treibt uns mit Aidan* um: Wen sollen wir wählen? CDU, SPD, FDP, Grüne, Linke oder rassistische Parteien kommen nicht in Frage. A.M. wird zwar diesmal weiterhin die deutsche Politiklandschaft beherrschen, aber wir können etwas dagegen tun.

Jede Stimme zählt tatsächlich. Bei den Wahlen in St Andrews ist die Partei Nicola Sturgeons nur wegen zwei [!] Stimmen an der Macht geblieben: 13,743 zu 13,741.
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*Aidans Eltern sind Rheinländer. Er und seine drei Söhne besitzen die doppelte Staatsangehörigkeit.

Erfolgserlebnisse

Unser Drachenmädchen ist gerade zehn Schritte gegangen. Ganz allein. Ohne Hilfe.

* * *
Gestern habe ich Michael auf dem Übungsgelände besiegt. Ich war gemein. Der Tritt war hinterhältig. Der Mann lag aber am Boden, und die Meute jubilierte. Now what?!

Das Leben ist schön and full of Kätzchen*.
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*Yep, so sieht heutzutage German aus. Terrible!

Sommerferien adé!

Jungs und Mädels, ich danke euch! Thank you!

That’s it! Die Sommerferien sind fast vorbei. Am 16. August gehen meine Kinder das erste Mal auf eine Privatschule in Edinburgh. Der Sommer war kühl. Wir alle waren trotzdem glücklich.

Ich habe jetzt auch einen ersten deutschen Freund. Für gewöhnlich treibe ich mich mit Kelten und Israelis herum.

Er ist groß, stark und… schwarz. Er liebt mich. Ich liebe ihn. Sein Name ist Artus.

Willkommen im August!

Mit Erstaunen habe ich das Gerücht vernommen, dass es frohmütige Frauen auf Erden gäbe, deren Männer sie morgens zärtlich aus dem Schlaf wach küssten, deren Kinder sie mit engelsgleichen Gesängen sanft weckten und deren Katzen sie immer mit einem vorzüglichen Frühstück verwöhnten.

Von wegen!

Mir wurden z.B. Schweinereien ins Ohr geflüstert. Ich wurde am Hintern begrabscht. Ich wurde gekniffen und gekitzelt. Meine Katzen murksten einen Maulwurf ab und haben ihn mir als rituelle Opfergabe dargeboten. Anscheinend bin ich eine Katzengottheit. Meine Kinder fielen über mich her wie eine Horde wilder Kelten und haben mir ihre ehrgeizigen Pläne für den Tag erläutert. Ich habe mich beinahe im Badezimmer gerettet.

Willkommen im August!

* * *
Das goldige Drachenmädchen, das Sonnenscheinchen Sólveig, ist jetzt ein Jahr alt.

Sie sitzt, krabbelt, steht und geht mit unserer Hilfe. Sie mag Hunde und ist verrückt nach Bananen. Mit „Mama“, „Papa“, „Kika“*, „Fifi“*, „ga-ga-ga“ und „bu-bu-buuu“ kann sie philosophisch das ganze Universum erklären.

Sie ist stark. Sie ist eine Kämpferin wie ihr Vater.

* * *
Am 4. August vor sechs Jahren hatten wir standesamtlich in San Antonio geheiratet. Als ich „I now pronounce you husband and wife!“ hörte, wollte ich panisch wegrennen. Zum Glück blieb ich.

I couldn’t have picked a better partner to spend my life with. Thank you for marrying me, Michael.

* * *
Vierzig** Wochen später, am 7. August, gebar ich Emiliana, unser Leben, unser Wunder, unseren Stern.

Der Himmel hat uns reichlich beschenkt.

* * *
Ende August werde ich… und hier scheiden sich die Geister: nach dem elfischen Kalender meiner Tochter – neunzehn, nach dem julianischen Kalender – neununddreißig.

Aus einem nebulösen Grund gefallen mir die Elfen sehr, und ich freue mich auf den letzten Monat dieses bescheidenen Sommers.
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*Kika – Katzerina Freikatze v. Katzenburg, Schottische Faltohrkatze mit römischem Migrationshintergrund; Fifi – Friedrich Basileus Fresserossa, Maine-Coon-Kater, eine Mischung aus Waschbären und amerikanischen Pilgern
**Okay, drei Tage später. Ich leide an Dyskalkulie.

Die Pilzsammler

Ich habe meine Große neulich gefragt, was sie ihrem Papa zum Geburtstag zu schenken gedenke? Er wird neun–unddreißig am Donnerstag, und ich werde mich nach einem jüngeren Mann umsehen müssen. Was soll ich, zar–tes Pflänzchen, mit einem alten Knacker? Nun wirklich!

„Warum braucht Papa ein Geschenk?“ wollte kluges Bärchen wissen. „Ich bin doch bezaubernd!“

Danach hat sie ein Bild gemalt.

Ja, Michael und ich waren darauf dargestellt, wie wir Pilze im Wald sammeln. Vier Pfund pro Seele. Wir sind gesetzestreue Außerirdische.

Die Pampuschen am Baum ließen sich leicht erklären. Der Hase hieß Thaddel.

An Thaddels Ohren, Fettels Vorderbeinen und Hinterläufen konnten wir die Malerin einfach identifizieren.

Ahoi! Ahoi! Frau über Bord!

L.: Yey, Deutschland hat mich wieder.
M.: Oh bitte, sogar dieses Land hat eine solche biblische Plage nicht verdient.
L.: Sehr nett. Nur du bist im Stande Fürsorge und Gemeinheit in einem Satz unterzubringen.
M.: Dabei mache ich mir überhaupt keine Mühe. Es passiert einfach so, aus dem Stegreif. Ich bin ein Naturtalent.
L.: Ja… Nicht jeder von uns teilt diese Begeisterung. Niemand von uns lügt dermaßen enthusiastisch wie du. Wir treffen jetzt eine Vereinbarung. Okay? In den nächsten Wochen benimmst du dich wie ein taktvoller, höflicher, gebildeter Mann. Du wirfst mich nicht über die Schulter und schleppst in die Höhle, während zufällige Fußgänger uns verdutzt anglotzen. Du benutzt keine Redewendungen à la „Nix sprechen Deitsch“. Du behauptest nicht, dein Name wäre Horst, Gundolf oder Siegenot. Du berichtest keiner Menschenseele von deiner Arbeit als Nachtwächter in einer geschlossenen Irrenanstalt. Es ist nicht witzig.
M.: Das sehe ich anders. Womit würdigst du meine Folgsamkeit? Schläfst du mit mir einmal täglich und bläst mir zweimal täglich einen? Ich bin fair. Schlag ein!
L.: Du ahnungsloser Träumer! Dafür verprügle ich dich nicht zweimal täglich mit einer gusseisernen Bratpfanne und ziehe dir nicht einmal täglich mit einem Nudelholz eins über den Kopf.
M.: Du gemeiner Giftzwerg! Erinnerst du dich noch ab und zu, dass ich die Liebe deines Lebens und der Vater deiner Kinder bin?
L.: Streng dich an, sei ein Schatz, blamiere mich nicht!
M.: Keine Sorge, das schaffst du auch ohne meine Hilfe.

* * *
Also, Deutschland hat mich nach zwölf Monaten wieder. Schöne Grüße aus Schleswig-Holstein ;)

Meine Horrorzwerge sind vorerst bei den Großeltern auf der Insel der Wolken geblieben und lehren die Schotten das Fürchten.

In den letzten sechs Jahren sind wir mit Michael selten allein gewesen. Wir sind nie zu zweit verreist. Es fühlt sich ungewohnt an, deswegen skype ich ständig mit meiner Schwiegermutter. Wahrscheinlich nerve ich sie.

Morgen werden wir in See stechen, und sie wird ihre Ruhe haben.

Kennt ihr gute Seemannslieder?

Die Weltanschauung einer Offizierstochter

Liebe Leute,

kennt ihr eigentlich die ergreifende Lebensgeschichte von den kleinen Schweinchen?

So sehen sie aus. Wirklich wahr! Zilli, Billi und deren Töchterchen Wilhelmine. Jawohl!

L.: Mili, sind das die drei kleinen Schweinchen?
E.: Nein, das sind der Wolf und die sieben Geißlein.
L.: Lügst du mich an, Schätzchen?
E.: Womöglich. Warum musst du auch solche blöden Fragen stellen, Mummy?
L.: Du bist aber anstrengend. Tragen die Schweinchen Waffen?
E.: Das sind Sturmgewehre. Zur Selbstverteidigung. Schweine führen ein gefährliches Leben.
L.: Gehen sie spazieren?
E.: Nein, sie nehmen an einem wichtigen Seminar teil. In einem Verein für Vegetarier.

Die Malerin ist leicht an bekrönten Vögeln zu erkennen. Im Baum sitzt ausnahmsweise kein Bär, sondern ein Blauer Pfau. Schwarz, weil inkognito. Er wartet auf ein Mädchen, um ihm seinen prächtigen Federfächer zu zeigen.

Fáfnirs Schatz

Drachenfrauen aus dem Sternbild Orion sind leicht zufrieden zu stellen.

* * *
Der Flieder berauscht die Sinne mit lieblichem Wohlgeruch.

* * *
Meine Dienstleistung als Dolmetscherin wurde nicht nur großzügig honoriert. Obendrein hat Dafydd mir ein vorzügliches Dessert ausgegeben.

Die Zitronencreme mit Karamell aus weißer Schokolade hat vollkommen mit Himbeerparfait und reifen Beeren harmoniert.

* * *
Ich habe wieder meine nächtliche Freundin, die Hüterin der endlosen Treppen, getroffen. Sie hat mich schnurrend begrüßt.

Die Einheimischen dieser Stadt sind wahnsinnig charismatisch.

* * *
Am Donnerstag werden unsere Knirpse zwei Jahre resp. zehn Monate.

Der kleine Frechdachs hat seinem Vater treuherzig über Skype zugeflüstert: „Daddy, kommst du zu meinem Geburtstag? Ich warte auf dich so sehnsüchtig wie auf… wie auf… wie auf eine Sahnetorte.“

Das süße Drachenmädchen kann inzwischen krabbeln und beißt jeden, der sie daran hindert. Unter ihren Ahnen gab es anscheinend nicht nur Drachen, sondern auch Schnappschildkröten.

Großes Wunder, kleine Seifenblasen

Emiliana: Dreihundertdreiunddreißig Reiter ritten dreihundertdreiunddreißigmal um das große runde Rasten–burger Rathaus. Dreihundertdreiunddreißig Reiter… Mummy, wiederhole diesen Zungenbrecher dreiunddreißigmal hintereinander! Fast!
L.: Ich muss leider passen.
E.: In Ordnung. Auf den sieben Robbenklippen sitzen sieben Robbensippen, die sich in die Rippen stippen, bis sie von den Klippen kippen. Auf den sieben Robbenklippen sitzen sieben Robbensippen…
L.: Das hört sich wunderbar an. Ich passe trotzdem.
E.: Am zehnten Zehnten zehn Uhr zehn zogen zehn zahme Ziegen zehn Zentner Zucker zum Zoo. Mummy, bist du im Stande irgendetwas zu wiederholen?
L.: Aßen acht alte Ameisen am Abend Ananas? Forscht der froschforschende Froschforscher in der frosch–forschenden Froschforschung? Kratzen die Katzen im Katzenkasten?
E.: (seuzt) Nein, nein. Zu simpel. Dreihundertdreiunddreißig Reiter ritten dreihundertdreiunddreißigmal…

Dreiunddreißig Minuten beträgt der Weg zur Schule. Fünf Wochentage. Insgesamt zehn Fahrten.

* * *
E.: Was ist das, Dylan?
D.: Eine Schäfchenwolke.
E.: Stimmt! Weißt du, wie schwer sie ist?
D.: Ungefähr fünfhundertundfünfzig Tonnen.
E.: Wiegen einhundert Elefanten fünfhundertundfünfzig Tonnen?
D.: Ich gehe davon aus.
E.: (grüblerisch) Du bist beinahe so klug wie mein Daddy.
D.: Warum „beinahe“? Ich bin sogar klüger.
E.: Du träumst wohl! Mein Daddy misst die Schäfchenwolken in Elefanten, nicht in Tonnen. Denk darüber nach.
D.: Schäfchenwolken werden übrigens in der Fachsprache als Kumuli bezeichnet.
E.: Nein, werden sie nicht. Du bist ein Kumulus! Und weißt du, wie viele Farben ein Regenbogen hat?
D.: Sieben. Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett.
E.: Naaain! Rot, Orange, Gelb, Grün, Hellblau, Indigo, Violett. Und weißt du, woher der Wind kommt?

Und weißt du?.. Und weißt du?.. Und weißt du?.. „Die unendliche Geschichte“ neu interpretiert.

* * *
E.: Ein niedlicher Igel lebte in einem Garten in Grunewald. Er konnte fliegen. Er war verliebt in ein Mädchen.
L.: Konnte das Mädchen auch fliegen?
E.: Ja. Es konnte die Treppe hinunter fliegen.

Das schwere Los der Berliner Igel.

* * *
L.: Mili, guck mal, wer sitzt da drüben auf dem Baum? Eine Elster oder ein Rabe?
E.: Ein Bär!
L.: Der Vogel ist aber schwarz.
E.: Das ist ein schwarzer Bärenvogel. Vermutlich der kanadische Grizzly.
L.: Meine Güte, wo ist er jetzt hin?
E.: Er ist vom Baum gefallen.
L.: Bären fallen selten von Bäumen. Sie klettern vorsichtig, bis ihre Hintertatzen wieder den Boden berühren.
E.: In diesem Fall ist er einfach weggeflogen. Das war ein fliegender Bär. Er wollte eine nette deutsche Bärin kennen lernen.

Seid gewarnt vor fliegenden Bären! Während der Paarungszeit sind sie besonders griesgrämig.

25 Gründe für einen Trotzanfall

Diese kreative Idee habe ich stibitzt ;)
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* Auf dem Weg nach Hause umarmte Emiliana (5,7) nur jeden dritten Baum in der Straße.
* Auf dem Weg in die Schule stellte sie sich keiner fröhlichen Pfütze vor.
* Schwäne und Enten im Holyrood Park sind arrogante Kröten und verhandeln nicht mit Horrorzwergen.
* Der Kater der Nachbarin ließ sich nicht gefangen nehmen und im Kinderwagen durch die Gegend herum–kutschieren.
* Naida und Orion schlafen nicht im Kinderbett.
* Fräulein Fettel gehört nicht in die Altkleidersammlung.
* Der Vater sah zufällig den Rücken seiner Tochter, als sie ihrer plüschigen Sippschaft in der Badewanne das Schwimmen beigebracht hatte. Er empfand bescheidene Freude über die Puppe, die ihm entgegenflog. Der Flugunterricht war inbegriffen.
* Strickhasen werden nicht in der Toilette gewaschen und mit Mamas Gesichtstuch abgetrocknet.
* Der leere Geschirrspüler wird nicht angeworfen. Auch der Wäschetrockner nicht.
* Die Kartoffeln (25 kg) werden nicht auf einmal geschält. Die Birnen (9 kg) auch nicht.
* Die Kirschlimonade ist kein geeignetes Spülmittel, um den Küchenboden zu wischen.
* Der Weihnachtsbaum bleibt bis Dezember im Karton. Und die Weihnachtsbaumkugeln. Und die Girlanden.
* Bibelzitate schmücken keine Wände.
* Das elterliche Schlafzimmer ist morgens um halb drei abgeschlossen.
* Der Vater küsst die Mutter zu oft.
* Der Vater versteht rein gar nichts. Absolut rein gar nichts!
* Der Stellvertreterposten in seiner Firma ist bereits besetzt, – und die Schule muss sein.
* Die Mutter zwingt die Schuluniform auf, obwohl ihr Abendkleid doch viel edler ist.
* Der jüngere Bruder weigert sich das Abendkleid anzuprobieren, weil er keine Prinzessin sein will.
* Morgenstern, der schöne Braune, grast nicht auf unserem Balkon. Aber er vermisst dich so toll!
* Wir können den 28-jährigen Dylan nicht adoptieren. Aber er ist so hübsch, und lieb, und klug!
* Es regnet nicht.
* Die Tomate ist rund.
* Die Honigmelone ist gelb.
* Es gibt keinen Schokoladenpudding zum Frühstück.

Internationaler Frauenkampftag

L.: Gehen wir am Strand spazieren?
M.: Baby, sag mir, was dein Herz begehrt? Wünsch dir was, und es wird geschehen. Ich erfülle deine sehnlichsten Wünsche. Drei, dreizehn, dreiunddreißig, dreihundertdreiunddreißig. It’s up to you. Aber nicht an dem Strand, an dem du dich mit anderen Männern herumgetrieben hast.
L.: Ich habe mich mit keinen anderen Männern herumgetrieben.
M.: Nein?
L.: Nein! Das ist bloß ein Mann gewesen.
M.: Ja? Reiz mich weiter, und ich kaufe dir einen schicken Ganzkörpersack. Welche Farbe bevorzugst du: schwarze arabische Krähe oder zarte afghanische Kornblume? Ich persönlich empfehle dir die zarte afghanische Kornblume. Das Visier vor den Augen empfinde ich als besonders antörnend.
L.: Apropos Visier. Schenk mir lieber eine florentinische mittelalterliche Ritterrüstung. Als Tribut an meinen Ahnen. Nichts Extravagantes. Spätes fünfzehntes Jahrhundert. Ein Schwert, ein Schild, ein Armet, ein Plattenharnisch mit Schwebescheiben, Armschienen, Panzerschuhe. Blauäugiger Morgenstern wird mein Höllenpferd sein. Vier Reiter der Apokalypse in einer kleinen Frau vereint.
M.: Könntest du bitte ab und zu so tun, als wärst du eine gewöhnliche kleine Frau?
L.: Nö. Würde es dir gefallen?
M.: Ich fürchte – nein.
L.: Ach! Ich brauche noch eine Atemschutzmaske aus dem Ersten Weltkrieg. Unbedingt!
M.: Jesus Christ! Woman!.. Lass uns zu Hause bleiben. Ich verbringe einige Stunden in deinem heißen nassen Schoß. Du musst nichts machen. Ich verwöhne dich. Du vergisst andere Männer und Atemschutzmasken aus dem Ersten Weltkrieg. Denk an mich allein.
L.: Träum weiter! Zieh die Jacke an. Wir fahren zum Portobello Beach. Und besuchen eventuell auch das Beach House.

Wir sind zu Hause geblieben. Er gab mir Blumen und schöne Ohrringe mit Smaragden als Pendant zu meinem Verlobungsring. Ich antwortete mit all meiner Liebe, Zuneigung und Wärme.

Was Clara und Rosa wohl davon halten würden?

Es ist mir egal. Ich bin heute die glücklichste orionesische* Drachenfrau auf Erden.

Möge der Himmel diesen wunderbaren Mann segnen!!!
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*eine weitere Spracherfindung von Michael; erzähl‘ ich später

Farewell to Clara & All the Strong Women Out There! (русский)

Das Portal in eine andere Welt

Ich erlebte eine merkwürdige Samstagnacht.

Um zwei wachte mein süßes Drachenmädchen auf, weil sie zahnt und momentan weinerlich ist. Ich beruhigte sie, schlief aber selbst nicht mehr ein.

Um drei beschloss ich rigoros, mit den Zerberussen zu joggen. Wann, wenn nicht um drei? Nicht wahr? Zwei gigantische amerikanische Schäferhunde* und ein graziles Däumelinchen bildeten eine Zweckgemeinschaft und traten um drei Uhr zwanzig an die kühle Luft in ein sternklares Traumland hinaus. Es regnete.

Unterwegs begegneten wir einer Frau mit einer Dänischen Dogge, die französisch sprach (die Frau, nicht die Dogge, obwohl es noch makabrer wäre) und einem Mann mit… ihr erratet es nie… zwei deutschen Schäferhunden. Der Mann grinste wie ein Honigkuchenpferd. Es sollte sich herausstellen, dass er in Itzehoe geboren wurde. Ich erfuhr nie seinen Namen, aber die Begleiter hießen Abraxas und Quentana.

Geht die Sonne unter, öffnet sich, wie es scheint, ein Portal in eine andere Welt und diverse wunderliche Gestalten treiben ihr Unwesen in den schönsten Straßen Edinburghs.

Zu Hause wartete eine wütende Katze, die uns übel beschimpfte und hinter der Couch verschwand.

Um halb fünf legte ich mich zu Michael, den keine Schlaflosigkeit quälte und der unverschämt entspannt daneben atmete, zog mir die Decke über den Kopf und verwünschte das unfaire Leben.

Um fünf zwickte ich ihm in den Oberarm und bot meine sexuellen Dienste in seinem Arbeitszimmer an, um die Kleinen mit dem ganzen Dahinschmelzen und Stöhnen nicht zu traumatisieren.

Wenn du fünf Kinder großziehst und besonders zärtlich zu deinem Mann sein willst, musst du dich neu erfinden. Früher oder später wirst du nicht an der Couch in seinem Arbeitszimmer vorbeigehen können, ohne zu entflammen oder beim Anblick der Dusche zu erröten, aber die Mühe lohnt sich.

Mein Mann war verwirrt, aber nicht abgeneigt. „Er kümmert sich um einen raschen Anstieg meiner Glückshormone, ich schlafe erschöpft ein“, überlegte ich mir. Das war ein Schuss in den Ofen. Ha-ha.

Danach funktionierte er mich zu einem Kissen um, legte seinen Kopf auf meinen Rücken und fiel in den tiefsten Schlaf. „Ich höre, wie dein Herz schlägt“, wisperte er kurz davor, und ich zerfloss wie der Mississippi im Frühling. So starrte ich in die Dunkelheit, – willenlos, schlaflos, aber mit erhöhtem Oxytocin-Spiegel –, während mein Herz für ihn allerlei peinliche Liebeslieder sang und versuchte mich nicht zu bewegen, weil sich seine Atemzüge unglaublich gut an meinem Hals anfühlten, bis irgendwann, gegen sieben Uhr, die Tür aufgetan wurde und eine freundliche Elfengang mich fragte: „Und, Mami, schläfst du, schläfst du, schläfst du? Backt uns Daddy Waffeln zum Frühstück?“

Es ist halb zwölf. Ich bin müde und gähne jede Sekunde, aber die Waffeln mit Ahornsirup haben köstlich geschmeckt.
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*Shiloh Shepherds, plush-coated

Fräulein Katzerina

Habt ihr euch inzwischen auch gefragt, wie unsere Katze aussieht?

Meet Fräulein Katzerina Fettel.

Was? Woher soll ich wissen, wer der Asiat unter der Sonne ist? Temüdschin?

Kitty pinkelt mit Vergnügen auf die Bücher über die Goldene Horde.

Leut vs. Leutin

MILI: Wir stehen an der Ampel und schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht ein männlicher Leut.
MIKE: Ein was? Leut? „Leut“ ist falsch. Entweder ein Mann oder ein Mensch.
MILI: Du bist falsch. „Leut“ ist korrekt. Du bist ein Leut. Eli ist ein Leut. Zusammen seid ihr zwei männliche Leute. Ich dagegen bin eine Leutin. Zusammen mit Sole sind wir zwei weibliche Leutinnen. Du verstehst rein gar nichts!
ELI: Ich bin ein Mädchen.
MIKE: Kinder, macht mich nicht fertig.

Habt ihr Schwierigkeiten mit der deutschen Grammatik, Orthografie oder Syntax? Wendet euch an meinen Mann oder seine Tochter. Sie sind erfahrene Germanisten und exzellente Semantiker.

Texas Bluebells and Blissful Happiness

Vor sechs Jahren bewohnten wir ein klitzekleines Haus in San Antonio. Ich trug Emiliana aus. Michael war endlich mit sich selbst im Reinen, weil er einen Job hatte, bei dem er sein eigener Chef sein und die Familie ernähren konnte. Die Jahre zeichneten sich überhaupt durch viel Glück, Liebe und Geborgenheit aus.

Unsere abgeschiedene Idylle ähnelte einem Gemälde von Thomas Kinkade. Um das Haus herum erstreckte sich ein Blumenmeer. Zweimal wöchentlich tauchte der Gärtner auf, kümmerte sich um die paradiesische Pracht und verschwand ebenso schweigsam im goldenen Lichte des Sonnenaufgangs.

In dem Gärtchen gesellten sich schüchterne Wildblumen zu den eitlen Rosen und Rittersternen; unschuldige Lilien tuschelten mit frechen Rhododendren; Kallas und Gladiolen wetteiferten miteinander um den graziösesten Kelch; aber zu meinen Lieblingen gehörten zweifelsohne die scheuen Prärieenziane, deren würdevolle Schönheit mich überwältigte.

Prärieenziane sind äußerst anspruchsvolle Zierpflanzen. Ihre Zucht ist mühsam. Nach einer kurzen Zeit sterben sie ab. Früher wurden sie im Ausland ausschließlich als Blumensträuße verkauft. Bedauerlicherweise sah ich sie in keinem deutschen Blumenladen. So wärmte meine Seele eine liebevolle Erinnerung. Bis heute.

Denn heute hat mir Michael blühende Prärieenziane geschenkt. Ich weiß nicht, wo er sie auftrieb. Es ist mir egal. Ich schwebe in vollkommener Glückseligkeit. Ich bin bodenlos in diesen Mann verschossen.

Eine halbe Stunde durfte ich mich an meinem Geschenk ergötzen, dann wurde es von einer gewitzten Diebin entwendet. Das macht aber nichts. Ihre atemberaubend großen Augen strahlen vor sorgloser Freude. Als ihr Vater sie gefragt hatte, wohin Mamas Blumen verschwunden seien, flüsterte sie ihm verschwörerisch zu: „Es ist mir auch ein Rätsel, Daddy. Wirklich. Glaube mir, aber geh bitte nicht in mein Zimmer.“

Und wenn sie einschläft, schleiche ich mich heimlich in ihr Kinderzimmer und riskiere einen Blick auf die traumhaftesten Blumen meiner Welt.

Wie Stalker ihren Vormittag verbringen

Ich habe einen harmlosen Text verfasst. Vier Bekanntschaften haben mich daraufhin angeschrieben, nur um sich zu erkundigen: „Und? Wie geht es Mike? Hast du ihm Gewalt angetan?“

Liebe Mädels, aber selbstverständlich hab‘ ich das! Er hat es sichtlich genossen. Ich habe ihn am Montag sogar zum Flughafen gefahren, wo er mich angebalzt hat. Einfach so. Aus Gewohnheit. Das ist sein beständiger Modus Operandi. Mein Sinnenrausch und meine Nachgiebigkeit in seiner Nähe tragen auch wesentlich dazu bei.

Eure Anteilnahme an seinem Schicksal ist rührend. Sie schmeichelt ihm. Sorgt euch nicht! Der Mann ist siebenunddreißig Zentimeter größer als ich. Er ist doppelt so schwer wie ich. Mein Bruder sagt über ihn: „180 Pfund, 90 davon sind Muskeln.“ Hochdekorierter Ex-Militär mit ausgezeichneter Ausbildung, dessen überragende Fähigkeiten in einem Kampfeinsatz getestet wurden. Er ist in guten Händen. Sein Leben ist nicht in Gefahr. Momentan befindet er sich vermutlich in einem Münchener Edelbordell.

Ne lange Geschichte. Wenn ihr des Russischen mächtig seid, sucht die Antwort darauf im Archiv des Jahres 2015.

Ich meinerseits stalke derweilen Dafydd, dem ich in Morningside permanent über den Weg laufe. Zufällig. Ich schwör’s!

Lilly ist eine Mitschülerin meiner Tochter. Sie sind befreundet und lernen gern zusammen. Dafydd ist Lillys Vater, der fast genauso oft zu einem lehrreichen Gespräch in die Schule eingeladen wird wie wir. Nein, unsere Kinder sind keine asozialen Unholde. Sie sind einzigartig, warmherzig, mitfühlend. Wir erziehen sie allerdings zu freidenkenden, eigenständigen, mutigen Menschen, die sich den Herausforderungen des Lebens stellen und nicht servil dem bequemen Kadavergehorsam frönen.

Wir missionieren nicht. Wir indoktrinieren nicht. Wir vermitteln lediglich unsere moralischen Werte an unsere leiblichen Kinder. Es ist eine Frage der Balance. Ich wage zu behaupten, sie sei uns geglückt.

Anyhow! Es ist ungemein heilsam und aufschlussreich, sich mit einem charmanten Mann auszutauschen, dessen Tochter die gleichen intellektuellen Kapazitäten aufweist wie die eigene.

Wir hatten am Vormittag Zeit. Also haben wir uns zum Brunch in meinem Lieblingscafe verabredet. Die Speisen, die dort serviert werden, sind eine Ofenbarung. Der Kostenaufwand ist zwar nicht zu verachten, aber frischer Räucherlachs, pochierte Eier und Sauce hollandaise mit Trüffeln schmecken wie immer göttlich.

Und weil wir uns seit dem ersten Treffen, bei dem er mich auf Deutsch ansprach, auf Anhieb verstanden, die Unterhaltung spannend war und die Sonne schien, sind wir mit meinen beiden Winzlingen noch am Strand spazieren gegangen. Das Wasser ist höllisch kalt, aber ich kenne eine Verrückte, die keine Scheu davor hat, sich der Lächerlichkeit preiszugeben und bei jeder brandenden Welle laut zu kreischen und zurückzuweichen.

Ich warte vergeblich auf den Winter, aber in den Meadows blühen violette Krokusse. Spielt das Wetter mit, werden wir in ein paar Wochen wieder segeln können. Noch ein Grund zur Freude.