Pfannkuchen mit gezuckerter Kondensmilch

Ich sitze in der Badewanne – Tanktop, Boxershorts, neues Armband aus walisischem Gold –, und heule bitterlich. Die Duschkabine ist besetzt. Vorbei! Alles ist vorbei. Der Sommer ist vorbei. Der selige August ist vorbei. Die Heiterkeit der grandiosen Geburtstagsfeier ist abgeklungen. Die Jugend zog aus.

Richard ist weg. Ilja ist weg. Ari ist weg. Theo ist weg. Sam ist weg.

Sam ist weg! Wie soll ich weiter leben?

Zum Frühstück gab’s Buchweizengrütze mit Butter und Pfannkuchen mit gezuckerter Kondensmilch. Ich habe vier davon gegessen und stet gewehklagt:

„Warum?! Warum habe ich dich und nicht Sam gewählt?“
„Habe ich etwas verpasst? Wann hat er dir seinen Schwanz und sein Herz angeboten?“
„Grobian! Ich missbillige deine Lexik. Mein Vater hat ihn so gemocht. Katholisch, deutsch, Jurist, spricht gehobenes Russisch.“
„Kein akademisches Elternhaus. Halachischer Jude nach matrilinearer Abstammung. Lass uns über die Weltanschauung deiner Mutter reden.“
„Vergiss es. Katholik nach patrilinearer Abstammung. Lies den Tanach.“
„Vielen Dank für die Empfehlung. Ich persönlich erkenne den Primat der Mischna an.“
„Natürlich tust du das. Gestern hast du ein Gebet rezitiert, das mit „Ich glaube an die Heilige Fotze“ anfängt. Heute bist du ein Verfechter des konservativen Judentums. Götzendiener! Ich hatte mich für den falschen Morgenstern entschieden. Hätte ich mich bloß in den Fürsten des Lichtes verliebt.“
„Er war dreizehn, als du meine Freundin wurdest. Er ist Hannahs Sohn, mein Onkel. Stört dich das nicht?“
„Ich habe Hannah verehrt und bewundert. Niemand ist perfekt.“
„Erwähne diese Konversation bei der nächsten Beichte, wenn der Pater dir die Absolution erteilt. Deine moralischen Imperative werden für Konfirmanden von höchster Priorität sein. Eines Tages wirst du bestimmt auch den argentinischen CEO deines ehemaligen Arbeitgebers kennen lernen und er wird dir am Gründonnerstag eigenhändig die Brüste waschen.“
„Die Füße. Wirf nicht mit Fremdwörtern um sich. Ich bin eine ignorante Plebejerin. Wo ist Champagner? Hah? Wo ist mein Champagner, frag‘ ich dich?“
„In der Champagne! Wir haben aber noch eine Flasche Wodka. Eiskalt. Ich haue sie dir gleich über die Rübe, – um dich abzukühlen, um mich aufzumuntern. Wie wär’s?“
„Ungehobelter Rüpel!“

„Küsst du mich zum Abschied?“
„Zieh dich doch mit dem Knie ins Schlafzimmer zurück.“
„Okay. Mit dem rechten oder mit dem linken?“
„Gott, wie ich dich hasse. Komm her. Und kichere nicht.“

Ich bin dann mal im Schlafzimmer.

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