Once upon a midnight dreary…

Ich, zartes Maiglöckchen, wurde Opfer eines perfiden Übergriffes. Leider nicht seitens eines liebeshungrigen keltischen Kriegers.

Der Himmel hing so tief, dass ich mit den Fingerkuppen die Sterne anfassen könnte. Die Nacht erhellte der Sichelmond. Im Wald heulten Chupacabras. Ich lag auf einer weißen Decke, weich und kuschelig wie eine Wolke, in einer Gartenlaube, an deren Wänden sich wilder Wein emporrankte. Meinen Leib umhüllte die schwüle sommerliche Hitze.

Gut, ich lag im Bett und trug einen Pyjama, der nur aus einem Bikinihöschen bestand. Neben mir schlief unruhig der Mann, der wahrscheinlich davon träumte, wie er irgendeine doofe Schnalle knallt. Mein Unterbewusstsein beschäftigte sich hingegen mit reinen, unschuldigen Gedanken. Ich träumte vom Frieden auf der ganzen Welt, von der Weltherrschaft, alten Villen und Daniel. Wie alle Zwerge bin ich leicht größenwahnsinnig.

Das Haupt ruhte auf dem Kissen mit kühlem seidenem Bezug, den ich vollgeschwitzt hatte. Ich hörte ein dumpfes Geräusch des Aufpralls, machte die Augen auf und sah direkt vor meinem Gesicht etwas Schwarzes, entsetzlich Lebendiges sitzen. Ich kreischte panisch. Es schnellte in die Höhe, landete auf meinem Rücken und verschwand in der Dunkelheit. Der Mann erschreckte sich und wachte auf.

„Etwas ist im Zimmer! Iss ihn auf, iss ihn auf! Er schmeckt süßer.“
„Hör auf zu schreien. Ich habe gerade mehr Angst vor dir. Hast du tatsächlich ‚Iss ihn auf!‘ gesagt? Unfassbar.“
„Was ist das?“
„Ich weiß es nicht. Wo ist es? Ich lache mich kaputt. Frau, wie feige bist du denn?“
„Halt die Klappe. Was ist das?“
„Eine Fledermaus. Da hängt sie kopfüber an der Gardine. Sie ist kaum größer als zehn Zentimeter.“

Ich beobachtete aus sicherer Entfernung, wie er die Gardine vorsichtig um die Fledermaus herum faltete und sie in die Freiheit entließ.

„Pah…“, schlussfolgerte ich triumphierend. „Das hätte ich auch allein geschafft.“ Dann kletterte ich vom Leuchter herunter.

Gott sei Dank hat mich der kleine Vampir nicht gebissen. Warum tut mir das Sonnenlicht bloß weh? Warum gelüstet mich nach Nähe? Michael riecht gut. Sein Hals ist unwiderstehlich anziehend. Leise rauscht das Blut durch die Venen.

„Ich nenne mich ab sofort Fürstin von Schwarzenberg.“
„Nicht Baronin von Angsthasenburg?“
„Nein, mein Pfirsich, nicht Baronin von Angsthasenburg. Welch eine Unverschämtheit.“

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