Von Botschaftern & Betriebsräten

L.: Es gibt drei Dinge, die ich ewig betrachten könnte: fließendes Wasser, loderndes Feuer und ejakulierende Männer.
M.: Du Ferkel. Hast du in absehbarer Zeit vor, ein Buch mit deinen Aphorismen herauszugeben?
L.: Würdest du es lesen?
M.: Machst du Scherze? Ich bin ein Süchtiger. Ich würde monatelang vor dem Buchladen zelten, um ein Exemplar zu ergattern. Würdest du wie früher Autorenlesungen abhalten? Ich würde an allen Vorträgen teilnehmen, auch wenn ich danach Privatinsolvenz anmelden müsste. Ich bin optimistisch. Vielleicht lerne ich dich bei einem Vortrag kennen; du verliebst dich in mich unsterblich, kochst sonntags Spaghetti mit Fleischbällchen und holst mir einen runter. Sofort bitte, wenn es dir nicht allzu umständlich erscheint.
L.: Du bist und bleibst ein Schwachkopf.
M.: Warum bist du gemein zu mir? Wagst du es tatsächlich – grausam und erbarmungslos wie immer –, mir einen bescheidenen Wunsch zu verwehren? Ich lese dir jeden Wunsch von den Lippen ab. Ich unterstütze dich bei dem ehrgeizigen Vorhaben. Ich lasse das Wasser in der Küche laufen. Ich zünde Feuer im Kamin an. Ich ejakuliere für dich. Sag mal, Frau, schämst du dich nicht?
L.: Du bist ein edelmütiges Menschenwesen. Mir kommen die Tränen. Bitte vergib mir diesen schwachen Moment der Gleichgültigkeit. Ich bügle schnell die Schnürsenkel und wedle dir einen von der Palme.
M.: Mich beschleicht ein ungutes Gefühl. Ich verlange keine Perfektion von dir, wenn wir miteinander schlafen. Frag mich, was mir gefällt? Womöglich sehne ich mich insgeheim danach, dich so zu sehen, wie Gott dich in seiner unendlichen Weisheit geschaffen hat – verletzlich und mit zerknitterten Schnürsenkeln. Ihr Frauen verkompliziert Beziehungen. Wir Männer sind direkt. Uns wohnt die natürliche Schönheit inne. Wimperntusche, reichhaltige Tagescreme, maßgeschneiderter Anzug, handgefertigte Schuhe – und wir sind un…
L.: …ausstehlich.
M.: …widerstehlich. Unwiderstehlich. Hörst du schlecht?! Was ist los mit dir?
L.: Dir, mein Lieber, wohnt in erster Linie die angeborene Blödmannitis inne.
M.: Du magst mich trotzdem.
L.: Ja, aber nur aus Angst und Schrecken. Ich simuliere oft. Hände weg von meinem Höschen. Wer hat dich denn eingeladen? Wurdest du akkreditiert? Leg mir das Beglaubigungsschreiben vor.
M.: Once again? Hast du gerade unsere Ehe aufgelöst und dich zu einem souveränen Staat erklärt?
L.: Jawohl.
M.: Ich bin unsicher, wie ich darauf reagieren soll. Mir fehlen die Worte.
L.: Echt?
M.: Ja, aber die Herausforderung reizt mich. Um Missverständnisse zu vermeiden: Gehe ich recht in der Annahme, dass du der Empfangsstaat bist? Bin ich der Entsendestaat? Beglaubige ich mich bei dir selber als designierten Botschafter? Die Botschaft befindet sich demzufolge im Tal südlich des Venusberges. Keine Sorgen, ich bestehe nicht auf dem militärischen Zeremoniell. Den Weg finde ich schon allein. Okay. Listen up. „Der Gesandte bewunderte die Fassade der Botschaft.“ „Die Botschaft bereitete ihm einen wohlwollenden Empfang.“ „In der Botschaft bewegte er sich sanft und langsam.“ „Er merkte wohl, wie steif seine Haltung wurde, als die Tore der Botschaft sich öffneten.“
L.: Mich packt das kalte Grausen.
M.: Warte ab. „Sein Leben widmete er inbrünstig der Botschaft.“ „Die Wände der Botschaft zitterten und bebten heftig, noch bevor die Überschwemmung sich ankündigte.“
L.: Ich hasse dich. Ich hasse dich aus tiefstem Herzen, Michael.
M.: Deswegen lachst du? Liefere mir doch keine Vorlagen, Linda.
L.: Be quiet and shut the fuck up. I’ll do whatever you please.

* * *
M.: Remove yourself immediately from upon me. What have you done? I’m a decent man. I’m happily married. I love my wife. You monster!
L.: I got you off. Actually, you just got off. You begged for it, didn’t you? How did it feel? In bestimmten akademischen Kreisen wird dieses faszinierende Phänomen als Orgasmus bezeichnet.
M.: Ich bin entsetzt.
L.: Du siehst nicht entsetzt aus. Die Geräusche, die mit dem Prozess einhergehen und bei dessen Kulmination an Lautstärke und Rhythmus gewinnen, nennt man übrigens koitale Vokalisierung oder, für simple Gemüter wie dich, Stöhnen. Es signalisiert sexuelles Vergnügen und steigert die Erregung, bis die sexuelle Energie sich entladen hat. Und du hast gestöhnt.
M.: Ja, aber nur aus Angst und Schrecken. Ich habe simuliert.
L.: Wie simuliert man um Himmels willen einen Samenerguss?
M.: Ich werde dir meine Betriebsgeheimnisse ganz bestimmt nicht offenbaren.
L.: Betriebsgeheimnisse? Bist du der Betriebsrat in einem Betrieb?
M.: Ja. Und du bist meine Betriebsbelegschaft. Ich sorge für angenehmes Betriebsklima und optimale Arbeitsbedinungen, und du unterhältst uns bei unseren Betriebsausflügen und Betriebsfeiern mit grandiosen Feuerwerken. Denke an Rhythmus und Lautstärke. Schrei die Nachbarschaft nicht wach.

Die Liste der deutschen Wörter, die er noch nicht sinnentfremdet, depraviert und pervertiert hat, wird kürzer mit jedem Monat.

12 Gedanken zu “Von Botschaftern & Betriebsräten

    • Du, das weiß ich nicht. Ich kann ihn nicht ausstehen.
      Woran hast Du denn gedacht? Inhalt, Schreibstil, Wortwahl, infantilen Humor?

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    • nie als Dialog – sondern als was?

      Nachdem ich Deine Worte verinnerlicht hatte, las ich den Dialog erneut. Du hast Recht, Alice! Der Text hört sich „allenesk“ an. Ich kann es nicht fassen. Ich begreife das auch nicht.

      Du bist das zweite Menschenwesen, das mich auf W.A. anspricht. Ich werde mich ab sofort mit seinem Wirken und Treiben auseinandersetzen.

      Vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Du hast mich zum Denken gebracht.
      __________
      egomanisches Geplapper – das nicht. Ich finde, kein Mensch sollte mit den Pflegekindern ihrer Lebensgefährten schlafen.

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    • Liebe Linda! Jetzt hast Du mich aber zum Nachdenken gebracht. Und mir fällt folgendes dazu ein: Was mich an Deinen Texten an Woody Allen erinnert, ist selbstverständlich das selbe Thema. Und zwar die Analyse des menschlichen Begehrens. Was Deine Texte allerdings charmant macht, das Begehren spielt immer in einer Beziehung auf Augenhöhe. Bei Allen ist es dagegen einsam, er monologisiert und nutzt andere höchstens als Stichwortgeber. Das ist bisweilen brilliant, langweilt aber schnell.
      Sein persönliches Verhalten war mir bislang gleichgültig. Ich bin ein reiner Konsument von Geschichten, der Autor interessiert mich als Mensch eigentlich nicht. Ausserdem gehe ich davon aus, das wir alle bisweilen in moralischen Abgründen wandeln. Wenn Du es aber noch mal so deutlich sagst, der Typ schläft mit seiner Adoptivtochter, dann passt das doch bestens zu meiner Kritik des Begehrens ohne Partner auf Augenhöhe.

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    • Alice, ich bin sprachlos. Du bist so gütig zu mir, so großzügig in Deinem Lob. Das ist mein Lieblingskommentar aller Zeiten. Gestatte mir bitte, Dich virtuell zu umarmen. Du hast mir viel Licht und Wärme geschenkt. Ich grinse von einem Ohr zum anderen.
      Analyse des menschlichen Begehrens, reiner Konsument von Geschichten, Begehren ohne Partner auf Augenhöhe – geniale Formulierungen. Wurdest Du sprachwissenschaftlich ausgebildet? Die Liebe zu einer/der Sprache erkenne ich auf jeden Fall.

      Die Analyse des menschlichen Begehrens ist mein Lieblingsthema. Damit kann man sich das ganze Leben lang beschäftigen.

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