Eisskulpturen

Und morgen fahren wir nach Gleann Comhann in die Highlands, wo ich mich wahrscheinlich beim Wandern und Klettern im Schnee verlaufen, einen zärtlichen Yeti-Mann kennen lernen und mit ihm liebevolle Yeti-Kinder großziehen werde.

„Eine Unverschämtheit!“, sagt Michael. „Du, meine Liebe, wirst geknebelt, in Fesseln gelegt, im Kofferraum nach Hause befördert und dort wider jeglicher Vernunft belohnt, sprich: ins Koma gevögelt. Vielleicht siedle ich dich aber auch ins Gästezimmer aus, sodass du gründlich über dein Verhalten nachdenken, es bereuen und feierlich geloben kannst, dich zu bessern. Im Gegensatz zu dir bin ich nett.“

Was soll ich nur tun? Verbannung oder Ehebett? Abenteuer oder raffinierte Folter? Warmer Körper oder kalte Nächte? Einsamkeit oder Küsse, Umarmungen und innige Streicheleinheiten? Ich befinde mich in solch einem Dilemma.

Höllenbewohner unter sich

Der erste Advent naht. Entledige Dich Deiner Schuhe und umgarne mit nackten Füßen die Pfütze vor Edinburghs Küste. Habe ich versprochen, dass es warm wird? Nein! Frage Naida. Sie ist glücklich.

Am Wochenende haben wir dank einer Privatführung einen ihrer Verwandten beim Weihnachtsmarkt getroffen. Majestätisch, erbarmungslos, so­lenn. Willst Du ihn kennen lernen? Er ist frostkalt und wunderschön.

Ein Wunder der Schöpfung Mann

L.: Ausziehen. Hinlegen. Pronto!
M.: Vergiss es! Wirb um mich. Schenke mir Blumen. Führe mich aus. Lege mir die Welt zu Füßen. Ich bin nicht ein Stück Fleisch. Ich habe ein Herz.
L.: Was du nicht sagst. Das in deiner Hose?
M.: Nein, nicht das in meiner Hose. Shame on you, woman. The other one. Das in meiner Brust.

Moderne Männer sind so kompliziert und empfindsam.

Ich gehe heute mit diesem zarten Pflänzchen (über 1,90 groß, fast zwei Zentner schwer, kornblumenblaue Augen) ins Kino, wo er nach fünfzehn Minuten einschlafen wird. Im Anschluss daran lade ich ihn in unser italienisches Stammlokal ein, damit ich ihn mit Cocktails abfüllen kann. Und zum Ausklang des Abends fahre ich ihn heim, zerre in eine dunkle Ecke und versohle… falsches Ver­bum… und schüttele ihm leidenschaftlich die Hand. Er soll nicht erfahren, dass ich ihn nur seines schönen Körpers wegen anhimmle.

Streichhölzer

L.: Hallo! Sagen Sie bitte, wo im Regal finde ich Brillenputztücher?
B K.*: Was?
L.: Brillenputztücher.
B K.: Was?
L.: Feuchte Putztücher, mit denen man Brillen gründlich reinigen kann.
B K.: Was?
L.: Ich brauche Brillenputztücher!
B K.: Ach sooo. Streichhölzer?

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Herrlich. Ich freue mich immer wie ein Kind, wenn ich Deutsch in Edinburgh höre. Über die geistige Tiefe dieses philosophischen Diskurses zwischen zwei Abteilungen werde ich noch Jahrzehnte nachsinnen.

Immerhin haben wir Erdbeeren abgegriffen. Preisreduzierung in dieser Größe (£ 2.00 zu £ 0.02)? Auf jeden Fall wissen wir, was wir damit machen werden: Erdbeeren, Honig, aufgeschlagene Kokoscreme – that’s it. Die Erdbeeren werden die heutige Nacht nicht überleben.
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* B K. – Brandenburger Kassiererin; Dialog in Deutsch. Bin ich zu gemein?

Liebe Grüße an St. Martin!

День святого Мартина 2014/2015

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L.: Ääääääh…
M.: Schön formuliert. Bloß nicht aufhören. Go on. Reach for the stars.
L.: Ha-ha. Sag mal, haben wir die Uhr umgestellt?
M.: Huh? Are you kidding me?! Vor über zehn Tagen. Hast du deine denn nicht umgestellt?
L.: Ich habe meine erst morgen… neben Gewürzdosen gefunden und eine Stunde Zeitunterschied bemerkt.
M.: Ой, как всё запущено. Hauptsache, du hast die Kürbissuppe damit nicht abgeschmeckt. Ingwer, Kokosmilch, Armbanduhr.

Mit dieser fulminanten Erkenntnis bin ich am Freitag (Ist heute überhaupt Freitag?) in die weite grausame Welt gezogen, um saure Fruchtgummis zu kaufen und mich mit Dylan bei Kaffee und Kuchen zu verschwören. Diese Form der Verhandlung ist bei unseren Stämmen üblich.

Auf dem Weg zur Bäckerei ist mir eine Frau begegnet, die sich plötzlich auf die gepflasterte Straße legte und einen Mann, der an ihr vorbeiging, von unten nach oben abfotografierte. Ich glaube, er war ihr Freund. Ein ungewöhnliches Bildchen für Instagremchen*.

Die Erdenbewohner werden doch mit jedem Augenblick debiler.
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*Verzeihung, ich wollte den Gleichklang [irgendwie] erhalten. Instagrimchen ginge auch gerade noch.
**Mein Beitrag zum Untergang der Menschheit ist ein Bildchen für WordPresschen. Das dargestellte süße Backwerk bezeichnet man bei uns in Edinburgh als ‚rainbow cake‘ und isst mit Händen oder Füßen. Dabei ist lautes Schmatzen unerlässlich. Danach grunzt man wollüstig und lockert den Hosenbund.

Edinburgh vs. Glasgow

„… all the wise men in Glasgow come from the East* – that’s to say, they come from Edinburgh.“
„Yes, and the wiser they are, the quicker they come**.“
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from the East* – oh boy, wir sind Ossis. So plötzlich. So unerwartet. Egal.
**Neil Munro, „Erchie, My Droll Friend”

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Wie cool ist das denn? Das ist ein Graffito in Glasgow. Es erinnert mich an van Goghs Gemälde und lässt an Bulgakows Margarita denken.

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Edinburgher sind komplizierter, auf eine glückselige Art und Weise.

Sie glauben nicht an Wunder und plädieren doch für die Unabhängigkeit Schottlands.

Manchmal verlieren sie ihre Schuhe, Klosettbecken oder sogar karierte Unterhosen. Alles mit eigenen Augen gesehen. Ein Kilt kann halt sehr unpraktisch sein, wenn man ein Träumer ist.

Ab und zu, eher selten, fallen die Stadtbewohner dem Zustand der vollkommenen Starre anheim. Dann tuen sie überhaupt nichts. Habe ich bei meiner großen Familie, die zu einem noch größeren Clan gehört, nie erlebt. Sie hält nur ein schwerer Schlag auf den Hinterkopf auf. Danach bewegen sie sich einfach aus Trotz und Sturheit weiter.

Wollen sie sich an der Schönheit der Natur ergötzen, setzen sie sich auf eine Bank vor einem Café und belästigen mit ihren Weisheiten erschrockene Touristen. Aber keine Angst! Lowland Scots verstehen nicht einmal englische Sprachvirtuosen.

BY SITTING ON THIS BENCH
I AM OPEN TO CONVERSATION
WITH A COMPLETE STRANGER

Geschlechtsspezifische Chancenlosigkeit

L.: Wozu frau einen Mann braucht… Wozu frau einen Mann braucht… Wozu frau einen Mann braucht? Lass mich nachdenken. Auf Anhieb fallen mir drei Gründe ein. Zum Ersten sind Männer stark und öffnen fest verschraubte Gläser ohne großen Kraftaufwand. Zum Zweiten schleppt frau sie überall mit. Beim Shoppen tragen sie z.B. die schweren Taschen. Zum Dritten wärmt sich frau an ihnen, jedes Mal wenn ihr kalt ist. Ja, das war’s.
M.: Hinreißend.
L.: Oh, warte. Mir fällt gerade der vierte Grund ein. Männer haben Penisse, was per se angenehm ist. Der Penis ist ein bemerkenswertes Schlafzimmergerät. Er wird groß und dick, sollte frau ihn liebkosen. Frau erlebt damit viel Lust. Sie kann mit ihm spielen. Ihn in ihre Hand oder den Mund nehmen. Er kann in ihren Körper eindringen. Willst du die Sexposition bestimmen, Baby?

* * *
L.: Was ich an Männern mag? Ihre Einfachheit. Männer sind simpel wie ihr Orgasmus. Nach außen hin gerichtet. Männer ejakulieren. Sie heucheln ihr sexuelles Vergnügen nicht vor. Sie sind, in der Hinsicht, tatsächlich ehrlicher und ehrenhafter als Frauen. Frauen simulieren. Blöde Mösen!
M.: Simulierst du?
L.: Würde dir so passen. Ich bin keine Frau. Ich bin ein Drache. Also: Lecken, lecken, lecken – und dann zum Höhepunkt ficken. Witzbold!

Das Lichtfest

Wir sind neuerdings Heiden und feiern Samhuinn.

Wir verbrüderten uns mit den Bewohnern des Elfenhügels an einem Feuer. Mit den Schicksalsfrauen des Feen–hügels tanzten wir zum Gedröhn der Trommeln. Ich wollte dem Gott der Unterwelt eine Opfergabe darbringen, aber Michael sagte, das sei eine Bitte um Fruchtbarkeit, also boxte ich ihn in den Bauch und teilte Karamell–bonbons mit der Anführerin der Konföderierten Drachenstämme des Orion.

Der Tod fand an mir Gefallen, darum durfte ich ihn nicht mit nach Hause nehmen.

Den Krieger durfte ich leider auch nicht behalten.

Es war lebensbejahend, fröhlich und laut. Die Gebieter der Wolken zeigten sich uns gewogen.

Zum Ausklang des Abends wurden macaroni cheese verzehrt und real ale getrunken in einem gemütlichen gay pub* in Calton Hill. Sie verschenken aus purer Freude am Leben Kondome und Gleitmittel. Ich habe nicht alles mitgehen lassen. Ehrlich nicht :)
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*macaroni cheese, real ale, gay pub – absolutely, diese Schreibweise stimmt mit den reformierten Rechtschreib–regeln überein. Was heißt hier, lüge doch nicht so dreist? Eine Unverschämtheit!