Geflüster aus kuscheliger Gosse

L.: Michael, du weißt doch alles.
M.: Fast alles. Ich versuche seit Jahrzehnten herauszufinden, wer du bist, aber es muss dich nicht verwirren. Das ist meine eigene Suche nach dem Sinn des Lebens. Was interessiert dich?
L.: Existiert Gott?
M.: Gott des Monotheismus? Der Schöpfer? Nein. Es existiert eine Myriade Götter, allesamt entworfen nach dem Ebenbild und dem Bildnis des Menschen.
L.: Nett. Geradezu hoffnungsfreudig. Wie wichst man richtig im Weltall?
M.: Oi*, Linda! Jedoch – ein umwerfender Gedankensprung. Respekt.
L.: Was? Tue nicht so scheinheilig. Wir haben längst begriffen, wozu du dich mit zwölf gerne im Badezimmer einsperrtes.
M.: Hole deine Gedanken aus der Gosse, Frau. Ich betete.
L.: Zu welchem Gott, Ketzer?
M.: Zu meiner damaligen Vorstellung von dir. Ich wundere mich bis heute, wie ich die finstere Zeit des Sturm und Drang unbeschadet überstanden und mich nicht zu Tode onaniert habe.
L.: Das ist ekelhaft.
M.: Mir hat’s gefallen, aber zurück zu der Frage. Ich bezweifle stark, dass Männer eine Erektion ohne Schwerkraft zu Stande bringen würden.
L.: Überlege mal, du bist in der Raumstation mit dem herrlichsten Ausblick auf den blauen Planeten. Du fasst dich an und es passiert rein gar nichts. What a pity.
M.: Der Zusammenhang zwischen Erde und Geilheit entzieht sich meinem Verständnis. Die Message ist trotzdem klar. Nach mehreren Monaten der Enthaltsamkeit würde ich mir auch den Gnadenschuss geben. Außerdem trinken Astronauten recycelten Urin.
L.: Was essen sie? Recycelte Scheiße?
M.: Den Fraß aus Tuben und Plastiktüten. Und ich bin ekelhaft? Unfassbar.
L.: Weiche nicht dem Thema aus. Also ist dieser Beruf im Grunde etwas für harte Männer.
M.: Witzig. „Harte“. Ha-ha. Eher für Schlappschwänze und Weicheier. Hast du weitere substanzielle Fragen?
L.: Vielleicht, bloß wird gleich der Wecker klingeln.

* * *
L.: Ich habe die ganze Nacht von dir geträumt.
M.: Wie entsetzlich. Mich packt das kalte Grausen. Was habe ich getrieben?
L.: Du hieß Daniel.
M.: Aber natürlich. Warum sollte ich Michael heißen, wenn es Daniel gibt?
L.: Wir haben uns nicht anstößig verhalten.
M.: Vielen Dank. Sehr rücksichtsvoll.
L.: Wovon hast du denn geträumt?
L.: Vom Wichsen im Weltall.
L.: Mein armes Baby. War das ein Alptraum? Brauchst du Trost?
M.: Halte den Rand und bereite das Frühstück zu. Von Daniel hat sie geträumt… Und ich bin ekelhaft…

* * *
M.: Ich warte seit zwanzig Minuten.
L.: You’re welcome! Ich hätte mich beinahe um vierzig Minuten verspätet. Motze nicht, umarme mich.
M.: Du bist kalt. Bist du die Schneekönigin? Bist du zu Fuß gegangen?
L.: Nein, ich habe mich zu einem Nickerchen in die Tiefkühltruhe gelegt.
M.: Meine Güte, ich habe tatsächlich die Schneekönigin gefickt. Ich verkaufe die Firma und schreibe ab sofort Ratgeber für Männer ohne Furcht und Tadel. Wenn ich daran nur denke…
L.: Shut up, Kai. Denk lieber daran, dass die Schneekönigin dich in ihrem Mund hat kommen lassen.
M.: Ich bedanke mich herzlich für die Erfahrung. Du hast übrigens den uralten Konflikt zwischen meinem Penis und meinem Gehirn neu entfacht. Wait a moment. Aha. Das primordiale Gehirn streckt gerade den präfrontalen Cortex nieder und kommandiert das Blut in die strategisch relevante geopolitische Südhemisphäre ab. Houston, we have a problem. Amüsiere dich ruhig. Was verstehst du schon von den Unannehmlichkeiten, mit denen ich lebe.
L.: Fertig? Du bist ein Schmock. „I’m getting hard.“ hätte genügt.
M.: Hätte es nicht. Ich bin ein komplexes Wesen. Hör zu. Du darfst zwischen zwei Optionen wählen. Die erste: wir fahren zu mir und ficken im Büro. Die zweite: wir fahren zu dir, ich vernachlässige die Pflichten, feuere mich deswegen und du gewöhnst dich an einen arbeitslosen Schnorrer, der nackt herumläuft.
L.: Ich entscheide mich für die dritte Option. Fick dich ins Knie, mein Pfirsich.
M.: Und ich bin ekelhaft? Unfassbar. „Fick dich ins Knie, mein Pfirsich.“ Eine rhetorische Hochleistung. Wahrlich. Ich bin beeindruckt und deinem Zauber verfallen. Du bist so obszön, meine Mango.
L.: Ha-ha. Nicht witzig. Wo schaust du bitte hin?
M.: Na weg. Nicht auf deine Lippen. Will mich beruhigen, bevor ich mich ins Knie ficke.
L.: Fühlst du dich gekränkt?
M.: I hate you, my cruel killjoy.
L.: I hate you, too, my hopeless romantic. Wirst du mich nicht zum Abschied küssen?
M.: Küss dich selbst. Koste deinen Triumph aus. Um Mitternacht sehen wir uns im Bett wieder.

Wenn ich mich nicht täusche, sind es noch sieben Stunden ;)
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*Oi – British interjection as expression of disapproval