Der erste Schnee

L: Oh mein Gott, die Stadt versinkt im Schnee. Ich falle gleich in Ohnmacht. Bitte halte mich fest.
M.: Klappe! Nicht jeder von uns hat im ewigen Winter gelebt, Eisbären gejagt, mit Grauwalen Freundschaften geschlossen, Walrosse als Haustiere gehalten und ist bei extremen Minustemperaturen auf einem Rentier zur Schule geritten.
L: Neidisch? Nimm deine Hand da sofort weg, du Wüstling!

* * *
Ich habe nicht viele schöne Kindheitserinnerungen. Als mein Bruder Richard zwölf und ich sechs waren, mussten unsere Eltern zu der Tante meiner Mutter nach Mainz umsiedeln.

Sie lebten fast dreißig Jahre lang in verschiedenen moslemischen Ländern. Sie beherrschten die Landes–sprachen, ohne je einen bezahlten Integrationskurs besucht zu haben. Sie arbeiteten hart. Es nützte nichts. Nachdem ein Vetter meines Vaters von den Einheimischen brutal ermordet wurde, weil er Brot an Hungerleidende verteilt hatte, packten sie ihre Sachen und ließen alles zurück. Was soll’s! Wir fanden unseren Weg in Deutschland.

Was ich sagen wollte: Das überwältigende Glücksgefühl, das meine Seele in sich barg, als wir die Eisblumen auf dem Fensterglas bewunderten, im Schnee tobten, auf einem Schlitten den Berg herunter lachend rodelten, Schneemänner erschufen, Schneeballschlachten ausfochten oder Wettbewerbe im Skifahren veranstalteten, wohnt mir bis in den heutigen Tag inne. Und einmal trafen wir bei einem Spaziergang im Park auf ein Ehepaar in Begleitung eines jungen Elches. Das passierte in einer Großstadt eher selten.

Ich mag Schnee und freue mich über die Schneeflocken.

Liebe Schneeengel, ich warte sehnsüchtig auf euch!