Lebt wohl, Schmetterlingsorchideen!

Am Silvesterabend feiern mein Mann und ich unser 17-jähriges Jubiläum – die Orchideenhochzeit (in Westeuropa) oder die Rosenhochzeit (in Russland).

Wenn Daniel und seine Frau Haley uns besuchen, bringen sie immer zauberhafte rote Rosen aus ihrem Garten mit. Wenn meine Schwiegereltern vorbeikommen, schenkt uns Michaels Stiefmutter anmutige Schmetterlingsorchideen.

Zwei davon hat ein gewisses Fräulein Fettel hinterhältig ermordet. Aus purer Boshaftigkeit. Ich bin morgens in einem Meer aus Orchideenblüten aufgewacht wie eine aztekische Hohepriesterin im Jenseits.

Was soll ich mit dieser Katze nur machen? Sie mal wieder rehabilitieren?

мгновение

בְּרֵאשִׁית

das Mondlicht breitete seinen schimmernden Teppich auf dem kalten Boden aus . die Eichen entwarfen Bildwirkereien mit silbernen Schatten auf nackten Wänden . die unsichtbare Entfernung zwischen Dir und mir erhellten die Sterne

wie unverschämt glücklich konnten wir doch sein . in einem tadellos leeren Zimmer . in dieser letzten . in dieser ersten Nacht

В начале

Katzerina Fettels Alltag

Es war eine stille Nacht. Die Gedanken schweiften ab. Das Harmagedon brach herein. Ich erlebte vor Schreck meine erste außerkörperliche Erfahrung.

Es ist jetzt amtlich. Unsere Katze kann fliegen. Gestern absolvierte sie erfolgreich ihren Jungfernflug im Wohnzimmer. Die Gardine inbegriffen. Und auch die Gardinenstange. Und die Träger. Das Maß ist voll.

Ich wollte heute ein deftiges deutsches Abendessen zubereiten, aber stattdessen wird es geschmorte Katze mit Serviettenknödeln und Rahmwirsing geben. Dazu warmen Apfelstrudel mit Vanilleeis.

Ich muss allerdings erwähnen, dass das zukünftige Schmorgericht nicht besonders besorgt aussieht. Es hat sich hinter der Couch verbarrikadiert, bügelt seinen Kampfanzug, schärft die Krallen und wartet geduldig ab. Sechs weitere Räume mit Gardinen sind schließlich in der Wohnung zu finden.

* * *
Wenn die Katze nicht gerade schläft, frisst, kotzt oder das Gebäude bis auf die Grundmauern niederreißt, fährt sie Rennen. Sie fährt inzwischen einen Rennstaubsauger, einen Renngeschirrspüler, einen Rennwäschetrockner, eine Rennwaschmaschine und ein Rennskateboard.

Aus diesem Grund nennen wir sie Katzerina Fettel. Oder einfach – ach du kleines bescheuertes Scheusal.

You’re a fool, Φιλύρα!

„Wie kannst du mich nur lieben? Ich bin schwach, erschöpft, wankelmütig und charakterlos. Ich. Bin. Völlig. Unnütz.“
„You’re a fool, Φιλύρα! Other than that you’re the best wife in all possible worlds. Du bist nicht schwach. Du bist ein bisschen erschöpft. Du bist weder wankelmütig noch charakterlos. Dich zu lieben ist leicht. Wenn du so willst, bist du meine Karyatide.“
„Versteinerte Hure?“
„Keine versteinerte Hure. Steinerne Göttin. Hör auf mit dem Blödsinn. Du bist meine Galionsfigur, meine Nymphe und meine Hyade, Gebieterin über meine Sieben Meere. Du beschützt meine Galeone vor den steilen Felsen, gefährlichen Riffen und wütenden Sturmwinden. Ohne dich versänke ich auf dem Meeresgrund.“
„Auf dem Meeresgrund sind Ruhe und Geborgenheit.“
„Auf dem Meeresgrund sind Hoffnungslosigkeit und Tod. Ich könnte dich gar nicht lieben, wenn du keine Sonne wärst. Wenn wir zusammen sind, erfüllst du meine Seele mit Licht und Wärme. Wenn wir getrennt sind, bist du meine Armillarsphäre, mein Astrolabium, mein Polarstern. Für dich schlägt mein Herz. Nach dir richten sich meine Gedanken. Zu dir führen alle meine Pfade. Dank dir finde ich jedes Mal aus dem Labyrinth der Verzweiflung zurück ins Leben, meine launische Ariadne. Wegen meiner Liebe zu dir glaube ich an Gott und an den Himmel. Ich liebe dich, Φιλύρα! Bitte weine nicht, es ist halb drei.“
„Ich weine nicht. Ich bin unendlich traurig.“
„Take off your nightie. I’ll show you the way to paradise.“
„Schwachkopf.“
„Ich kann dich leise lächeln hören…“
„Und ich kann dich sehr gut leiden…“

Ты – дурочка, Φιλύρα!

Heliozentrisches Weltbild

Baby, Du bist meine Sonne.

Lach nicht, denn mir ist nach Heulen zumute. Ich bin bitterernst. Leg Deine Hand auf meine Brust und fühl, wie mein Herzschlag aussetzt, wie die Angst meine Kehle zuschnürt.

Du bist meine Sonne, Baby. Hörst Du? D u   b i s t   m e i n e   S o n n e. Keine transzendente, keine metaphysische Sonne, die den Tag in Gold ertränkt, die Luft mit Honig füllt und Gewässer in Bernstein verwandelt. Nein! Keine frostklirrende Polarsonne, deren Licht die Gletscher bricht im ewigen Zuchthaus aus Eis; keine tobende Wüstensonne, die das Leben als Geisel hält, nur um es endgültig zu vernichten. Nein!

Du bist die wahrhaftige Sonne: Wut, Zorn und Ekstase. Verzeih mir! Du bist mein Fegefeuer, mein höllenheißes Gestirn. Deine Strahlen verätzen meine Haut wie Salpetersäure. Deine Wärme schmilzt meine Muskelfaser. Du dringst in mich ein, fließt durch meine Adern, veränderst meine DNA-Helix und schreibst den genetischen Code um, alle Nucleotidtripletts aufhebend: LLL. Du umgibst mich, rankst an mir empor, verschlingst mich von innen nach außen. Du erfindest mich neu, definierst und versiehst mit einem Namen.

Wären wie Sumerer, würde ich Dich anbeten, meine Besitztümer zu Deinen Füßen werfen und meine Seele auf Deinem Altar darbieten wie eine Opfergabe. Lebten wir im alten Ägypten, würde ich Dich in einem Turm ohne Türen einsperren. Ich würde meinen Atem in Dich einhauchen, Deinen Mund küssen, in Deine Brüste beißen und Deinem Schoß huldigen, bis wir uns in Verzückung auflösen. Du würdest in meiner Liebe ruhen. Wären wir Babylonier, würdest Du meinen Untergang bedeuten, und ich würde straucheln, und stürzen, und Dich mit in den Abgrund reißen.

Du gehst nicht auf. Du gehst nicht unter. Du bist immer schon da. Punkt. Aus. Du bist immer schon da gewesen. Flüsternd, heimlich, verborgen, verboten. Auch dann, wenn ich an Dich nicht dachte.

Du ersetzt mich durch Dich. Nichts bleibt übrig. Und alles. © Mike

Über Gebete

XY: Was macht eine temperamentvolle Frau wie du, wenn ihr Liebhaber verreist?
L.: Wir beide wissen, welche Antwort du dir erhoffst.
XY: Ist das so?
L.: Ja, das ist so! Sie betet inbrünstig.
XY: Wirklich?
L.: Wirklich! Sie betet inbrünstig mit einer Hand zwischen ihren Beinen. Das Gebet hört sich folgendermaßen an: „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gooott…“
XY: Haha. Witzig.
L.: Zufrieden mit der Antwort? Übrigens: Wenn der Liebhaber heimkehrt, hört sich das Gebet anders an.
XY: Nämlich?
L.: Mikey, Mikey, Mikey, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gooott…
XY: Ich hasse dich ein wenig.
L.: Ich weiß, ich weiß.

* * *
Ich vermisse Dich unheimlich, Blödmann! Komm nach Hause.

Sternenkinder

Звездные дети:
PStRÄndG, HB 635

Once upon a time, there was Candy and Dan. Things were very hot that year. All the wax was melting in the trees. He would climb balconies, climb everywhere, do anything for her, oh Danny boy. Thousands of birds, the tiniest birds, adorned her hair. Everything was gold. One night the bed caught fire. He was handsome and a very good criminal. We lived on sunlight and chocolate bars. It was the afternoon of extravagant delight. Danny the daredevil. Candy went missing. The days last rays of sunshine cruise like sharks. I want to try it your way this time. You came into my life really fast and I liked it. We squelched in the mud of our joy. I was wet-thighed with surrender. Then there was a gap in things and the whole earth tilted. This is the business. This, is what we’re after. With you inside me comes the hatch of death. And perhaps I’ll simply never sleep again. The monster in the pool. We are a proper family now with cats and chickens and runner beans. Everywhere I looked. And sometimes I hate you. Friday ―― I didn’t mean that, mother of the blueness. Angel of the storm. Remember me in my opaqueness. You pointed at the sky, that one called Sirius or dog star, but on here on earth. Fly away sun. Ha ha fucking ha you are so funny Dan. A vase of flowers by the bed. My bare blue knees at dawn. These ruffled sheets and you are gone and I am going to. I broke your head on the back of the bed but the baby he died in the morning. I gave him a name. His name was Thomas. Poor little god. His heart pounds like a voodoo drum.

                              ― Luke Davies, Candy

* * *
At my feet, a squashed tin glints rustily inside a funnel of sand. Around me, silence and a kind of spring emptiness. There is no death. The wind comes tumbling upon me from behind like a limp doll and tickles my neck with its downy paw. There can be no death.

My heart, too, has soared through the dawn. You and I shall have a new, golden son, a creation of your tears and my fables. Today I understood the beauty of intersecting wires in the sky, and the hazy mosaic of factory chimneys, and this rusty tin with its inside-out, semidetached, serrated lid. The wan grass hurries, hurries somewhere along the dusty billows of the vacant lot. I raise my arms. The sunlight glides across my skin. My skin is covered with multicolored sparkles.

And I want to rise up, throw my arms open for a vast embrace, address an ample, luminous discourse to the invisible crowds. I would start like this: “O rainbow-colored gods . . .”

                              ― Vladimir Nabokov, Gods

Alte Last

zögere nicht und verzweifle . schlag mir die Flügel ab . du brauchst dafür kein Schwert . ein stumpfes Brotmesser reicht aus . ohne diese Flügel . werde ich nie wieder fliegen . ohne diese Flügel . werde ich lange stark bluten . aber vielleicht . aber vielleicht . aber nur vielleicht . werde ich lernen zu gehen

Wandelt im Geist,

so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen (Gal. 5,16)

Schreibe mit! Es könnte sich als nützlich erweisen.

Überfalle einen völlig fremden Mann in deiner Dusche, wenn er nackt und wehrlos ist, wenn er angenehm duftet. Mach ihn so glücklich, dass er sich vergisst. Lächle ihn danach süffisant an und stolziere feierlichen Schrittes aus dem Badezimmer. Lass ihn einfach erstaunt zurück mit bebender Stimme, schwerem Atem und entrücktem orgiastischem Gesichtsausdruck. Drehe dich nicht um und schäme dich nicht deiner List. Stampfe leidenschaftlich mit nassen Füßen auf den Boden.

Es stellt keinen hohen Kraftaufwand dar und währt nur eine kurze Zeit, versetzt ihn dafür in einen Zustand starker Erregung. Seine Gedanken kreisen den ganzen Tag nur um dich. Er kann seine Finger nicht bei sich behalten, stiehlt alle deine Küsse und macht dich gegen Mitternacht so glücklich, dass du dich vergisst.

Es sei denn, dein Fremder befindet sich in Asien und macht dich mit kurzen Textnachrichten erbarmungslos geil. Gemeiner, verdorbener Sünder!

* * *
Ich bin entspannt und besonnen. Ich ruhe in mir. Das Licht der Tugend umgibt mich. Ich bin eine zarte Blume der Züchtigkeit, die von der Frucht der Begierde nie gekostet und sich am Quell der Triebhaftigkeit nie gelabt hat. Om mani padme hum. Om mani padme hum. Om mani padme… Damn it! Ich blühe auf. Ich werde mich doch letztendlich selbst beflecken, aber der Wille war stark.

Пароксизм шести утра

Four Months

Süßes Glühwürmchen Sole, unser himmlischer Sonnenschein, ist jetzt vier Monate alt.

Mein Schwiegervater hat neulich gemeint, sie wachse gar nicht. Und ob! Sie ist viel größer und schwerer geworden, seit wir sie aus der Klinik nach Hause mitnehmen durften. Fotos lügen nicht.

Was könnte ich über unser Glühwürmchen sagen? Sie schläft weniger. Sie ist deutlich aufgeweckter. Sie ist unglaublich ungeduldig. Sie erforscht die Umgebung und lutscht an allem drum herum. Sie nimmt das Spielzeug in den Mund und kaut mit Freude an ihrem Beißring. Die Katze gefällt ihr. Ihre Schwester gefällt ihr. Ihre Brüder gefallen ihr. Auch der Taufpate. Aiden, verzweifle nicht!

Kleidergröße 62. Frisch geimpft, daher quengelig.

* * *
Unser Herzchen versucht sich zu drehen. Das Liegen auf dem Rücken ermüdet sie. Sie ist wissbegierig und will sich bewegen. Sie wedelt mit den Ärmchen, hilft sich mit den Beinchen, greift nach dem Rüssel des violetten Plüschelefanten und dreht sich auf die Seite. Dann verlassen sie die Kräfte. Sie ist halt noch ein Winzling. Sie ist griesgrämig und beschwert sich, also gebe ich ihr den letzten Schubs. Wenn sie zufrieden auf dem Bauch liegt, lobe ich sie. Sie lächelt. Ich schmelze dahin. Pures Glück.

* * *
Höre ich ihr nebenbei zu, wie sie sich mit mir, mit den Engeln oder mit der Außenwelt unterhält, bekomme ich den Eindruck, wir hätten einen kleinen Drachen gezeugt, denn kein Menschenkind gibt vor sich solch rätselhaften Laute.

Topografie der Küsse

Auf Deine Schläfe, hinter Deinem Ohr, in Deinem Nacken, an Deinem Hals, auf Deinen Mund, auf Deine Drosselgrube, zwischen Deine Schulterblätter, entlang Deiner Wirbelsäule, auf Deine Lendenraute, unter Deine Achselhöhle, auf das Muttermal am Ansatz Deiner Brust, auf das Muttermal an Deinem Knie, auf das Muttermal an der Innenseite Deines Schenkels, auf Deinen Bauchnabel, auf Deinen Venushügel, zwischen Deine Beine

küsse ich Dich in meinen Gedanken. Immer und immer wieder. © Mike