Sind wir nur Freunde?

Baby, ich habe von Dir geträumt. Du saß mit Rob M. im Speisewaggon eines Zuges irgendwo an der Grenze zu Mexiko und warst angezogen wie ein typischer amerikanischer Sheriff: ein hellblaues Hemd, eine dunkelblaue, fast schwarze Hose, eine Polizeimarke. Ich sah Dich, in ein Gespräch vertieft, von draußen. Ich kannte Dich, vermochte aber meine Unsicherheit nicht zu überwinden und ging an Dir vorbei, obwohl sich jede Zelle meines Körpers nach Deiner Nähe sehnte. Ich tappte in der Dunkelheit herum (eigentlich in einem anderen Land). Meine Gedanken kreisten um Dich.

Schließlich drehte ich mich um und ging zurück zum Zug. Rob war verschwunden. Du warst allein. Ich rief Deinen Namen und klopfte gegen die Fensterscheibe. Du hörtest mich. Du sahst mich und deutetest mit einer Geste an, ich solle mich zu Dir gesellen. Du freutest Dich mich zu sehen. Wir unterhielten uns. Rob kam zurück, verabschiedete sich, nicht ohne ein paar Witze gemacht zu haben. Wir waren verlegen. Ein Mann und seine kleine Tochter, die wohl Emiliana war, stiegen ein und setzten sich in die Sitzreihe vor uns.

Ich war froh und aufgeregt. Ich dachte nur noch daran, was später passieren würde, weil ich wollte, dass Du mich magst und Dich zu mir hingezogen fühlst. Wir teiltlen uns irgendwelche Neuigkeiten mit. Die Bedienung trat an uns. Ich bestellte einen Tee und hoffte inständig darauf, dass Du nicht sofort merkst, was für ein Freak ich doch sei. „Ist das deine Freundin?“ fragte Dich die Bedienung auf Spanisch, aber ich nahm Dir den Wind aus der Segel und antwortete hastig: „Nein, wir sind nur Freunde.“ Sie lächelte. Ich lehnte mich an Deine Schulter und wisperte leise: „Sind wir nur Freunde?“ Du küsstest mich dreimal auf die Schläfe und entgegnetest genauso leise: „Wir sind nur Freunde. Alles andere muss keiner wissen.“ Ich war vor Glück überwältigt. Jetzt weiß ich, dass Deine Küsse real waren. Du bist aufgewacht und hast mich geküsst, weil ich im Schlaf so süß ausgesehen hätte.

Danach verschärfte sich die Situation. Die Polizei räumte die nahe stehende Lagerhalle, in der ein Drogenkartell sein Vermögen mit Rauschgiftgeschäften verdiente. Kein Traum ohne Action! Laute Schüsse übertönten das Geschrei. Ich hatte Angst und duckte mich. „Ich kenne das“, sagte ich, „Ich habe solche Situationen bereits erlebt.“ Zuerst versteckten sich der Vater mit der Tochter, dann lehntest Du Dich mit dem Rücken gegen meine Brust, und ich umschloss Dich mit meinen Armen. Du warst bei mir. Ich spürte Dich und vergaß die Gefahr.

Mit diesem Gefühl der Geborgenheit bin ich wach geworden, habe Dich geküsst, mich an Dich gekuschelt und meinen Traum erzählt. Du warst sehr langsam und zärtlich. Ich war sehr glücklich. Am liebsten würde ich mich mit Dir in so eine glückselige Sekunde für ewig einhüllen.

Oder, oder wir erfinden diese glückseligen Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Nächte, Wochen, Monate, Jahre immer wieder aufs Neue, denn die Mühe lohnt sich wirklich.