Eliette Abécassis, „Qumran“

DA PLÖTZLICH GESCHAH ES. Mein Herz begann zu rasen, in meiner Brust hallte es wie Gongschläge wider, als würde gleich eine entsetzliche Katastrophe eintreten, und ich sah, was mit uns passieren würde. Ich versuchte mehr schlecht als recht, die Flut der Gefühle abzuwehren, in der ich zu versinken drohte. Ich erinnerte mich daran, wie sehr ich diese Frau begehrt hatte und wie sehr ich sie vielleicht geliebt hatte, selbst wenn diese Liebe nicht denselben Namen trug wie die eheliche Liebe, denn da sie mir verboten war, hatte ich keine Vorstellung davon, eine unaussprechlich zarte Empfindung war in mir aufgekeimt, gewachsen und hatte alle Wörter über den Haufen geworfen, als Jane sich von dem Tisch erhob, an dem wir gesessen hatte, und sich langsam von mir entfernte, file diese Empfindung als ungeheures Sehen auf mich zurück. Ich wurde aschfahl wie ein Toter, gleichgültig, stumpf und teilnahmslos. Das Nichtereignis dieser Liebe, die sich nicht offenbaren, nicht erblühen durfte, eine Totgeburt aus Kraft und Trägheit, die in mir verschüttet war, sprenge mit einem Mal die Tore ihres Gefängnisses. Wie eine Talsperre bricht oder alle Schleusen auf einmal sich öffnen unter dem Druck des andrängenden Wassers, brachten Jahre der Berechnung und Überlegung, minutiöser Konstruktionen aus Mühen und solidem Material plötzlich zusammen und ließen der Überschwemmung freien Lauf. Ich würde sie nie mehr wiedersehen. Sie würde aus meinem Leben verschwinden, ich würde allein bleiben, allein mit den anderen und dem Tod. Zwei Sequenzen überstützten sich in meine verwirrten Kopf: Sie ging. Ich war allein. Es war, als würde mir plötzlich ein Glied aus meinem Körper gerissen. Das durfte nicht sein.
       In einem letzten Aufzucken meines Willens, bevor ich ohnmächtig würde, rief ich sie mit einem Schrei, der keinen Namen hatte, nur noch Gefühl war, es gab nur noch ein Gesicht für mich: ihres. Sie drehte sich um, zögerte kurz und beschleunigte dann ihren Schritt. Aufrecht, die Arme halb in ihre Richtung ausgestreckt, wie um ein Zeichen des Abschiedes oder des Willkommens anzudeuten, stand ich wie versteinert an dem Tisch.

Ich habe nie wieder etwas von Jane gehört. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte und mit ihren lebhaften Schritten über die Straße zu mir geeilt wäre. In diesem Augenblick wollte ich nur sie. Aber später, wenn die Vernunft wieder ihre unerbittliche Herrschaft angetreten und Gewissensbisse mich gequält hätten, hätte ich es bereut, auch wenn mein Schmerz in diesem Augenblick so groß war, daß ich nicht anders handeln konnte, ich glaube, daß sie meinen Schrei verstanden und die Entscheidung über die Zukunft auf sich genommen hat. Ich weiß nicht, warum sie diese Wahl traf. Es vergeht kein Tag, ohne daß ich dieses Bild vor Augen hätte: ihre schlanke Gestalt, die sich auf der Straße entfernt wie eine kleine Figur, die aus einer Spieluhr entwischt ist und beherzt jedem Anruf trotzt.

Übersetzung: Brigitte Große