André Schwarz-Bart, „Le Dernier des Justes“

ES GELANG ERNI, DIE feurige Nadel zurückzustoßen, die seine Kehle durchbohrte, und während der weibliche Körper an ihm zusammensackte, rief er der leblosen Golda ins Ohr: „Gleich, ich schwöre es dir!…“, und in der undurchsichtigen Dunkelheit traten seine Augen aus ihren Höhlen. Dann wußte er, daß er niemanden auf der Welt mehr helfen konnte, und im Aufzucken, das seiner eigenen Vernichtung voranging, erinnerte er sich freudig an die Legende Rabbi Chanina ben Teradions, wie sie der Ahne fröhlich berichtet hatte: als der mildherzige Rabbi von den Römern in die Thorarolle eingehüllt auf den Scheiterhaufen geworfen worden war, weil er den Taldmud gelehrt hatte, und man die Reisigbündel anzündete, deren Äste noch grün waten, damit die Marter länger dauere, fragten die Schüler ihn: „Meister, was siehst du?“ Und Rabbi Chanina antwortete: „Ich sehe, wie das Pergament brennt, aber die Buchstaben fliegen davon …“ O ja, gewiß, die Buchstaben fliegen davon, wiederholte sich Erni, während sich die Flamme, die seine Brust in Brand steckte, schlagartig in seinem Gehirn ausbreitete. Mit seinen sterbenden Armen umschlang er Goldas Leib in einer schon unbewußten Gebärde liebenden Beschützens, und dies war die Stellung, in der sie eine halbe Stunde später die Gruppe des Sonderkommandos vorfand, die damit beauftragt war, die Juden im Verbrennungsofen einzuäschern. So geschah es mit Millionen, die vom Zustand des Luftmenschen in den von Luft übergingen. Und so wird diese Geschichte nicht mit irgendeinem Grab enden, das man gedenkend besuchen kann. Denn der Rauch, der aus den Verbrennungsöfen aufsteigt, gehorcht wie jeder andere den physikalischen Gesetzen: die Partikeln vereinigen sich und zerstreuen sich im Wind, der sie dahintreibt. Die einzig mögliche Pilgerfahrt, werter Leser, wäre die, manchmal wehmütig zu einem Gewitterhimmel aufzublicken.
Und gelobt. Auschwitz. Sei. Maidanek. Der Ewige. Treblinka. Und gelobt. Buchenwald. Sei. Mauthausen. Der Ewige. Belzec. Und gelobt. Solibor. Sei. Chelmno. Der Ewige. Ponary. Und gelobt. Theresienstadt. Sei. Warschau. Der Ewige. Wilna. Und gelobt. Skazysko. Sei. Bergen-Belsen. Der Ewige. Janow. Und gelobt. Dora. Sei. Neuengamme. Der Ewige. Pustkow. Und gelobt …

Manchmal allerdings will das Herz vor Kummer zerspringen. Aber häufig am ehesten abends, kann ich auch nicht umhin zu denken, daß Erni Levy, der sechs Millionen Mal gestorben ist, noch irgendwo lebt, ich weiß nicht wo … Als ich gestern, am Boden festgewachsen, mitten auf der Straße vor Verzweiflung erbebte, file von oben ein Tropfen Mitleid auf mein Gesicht herab; aber da war kein Hauch in der Luft, keine Wolke am Himmel … da war nur eine Gegenwart.

Übersetzung: Mirjam Josephson

Eliette Abécassis, „Qumran“

DA PLÖTZLICH GESCHAH ES. Mein Herz begann zu rasen, in meiner Brust hallte es wie Gongschläge wider, als würde gleich eine entsetzliche Katastrophe eintreten, und ich sah, was mit uns passieren würde. Ich versuchte mehr schlecht als recht, die Flut der Gefühle abzuwehren, in der ich zu versinken drohte. Ich erinnerte mich daran, wie sehr ich diese Frau begehrt hatte und wie sehr ich sie vielleicht geliebt hatte, selbst wenn diese Liebe nicht denselben Namen trug wie die eheliche Liebe, denn da sie mir verboten war, hatte ich keine Vorstellung davon, eine unaussprechlich zarte Empfindung war in mir aufgekeimt, gewachsen und hatte alle Wörter über den Haufen geworfen, als Jane sich von dem Tisch erhob, an dem wir gesessen hatte, und sich langsam von mir entfernte, file diese Empfindung als ungeheures Sehen auf mich zurück. Ich wurde aschfahl wie ein Toter, gleichgültig, stumpf und teilnahmslos. Das Nichtereignis dieser Liebe, die sich nicht offenbaren, nicht erblühen durfte, eine Totgeburt aus Kraft und Trägheit, die in mir verschüttet war, sprenge mit einem Mal die Tore ihres Gefängnisses. Wie eine Talsperre bricht oder alle Schleusen auf einmal sich öffnen unter dem Druck des andrängenden Wassers, brachten Jahre der Berechnung und Überlegung, minutiöser Konstruktionen aus Mühen und solidem Material plötzlich zusammen und ließen der Überschwemmung freien Lauf. Ich würde sie nie mehr wiedersehen. Sie würde aus meinem Leben verschwinden, ich würde allein bleiben, allein mit den anderen und dem Tod. Zwei Sequenzen überstützten sich in meine verwirrten Kopf: Sie ging. Ich war allein. Es war, als würde mir plötzlich ein Glied aus meinem Körper gerissen. Das durfte nicht sein.
       In einem letzten Aufzucken meines Willens, bevor ich ohnmächtig würde, rief ich sie mit einem Schrei, der keinen Namen hatte, nur noch Gefühl war, es gab nur noch ein Gesicht für mich: ihres. Sie drehte sich um, zögerte kurz und beschleunigte dann ihren Schritt. Aufrecht, die Arme halb in ihre Richtung ausgestreckt, wie um ein Zeichen des Abschiedes oder des Willkommens anzudeuten, stand ich wie versteinert an dem Tisch.

Ich habe nie wieder etwas von Jane gehört. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte und mit ihren lebhaften Schritten über die Straße zu mir geeilt wäre. In diesem Augenblick wollte ich nur sie. Aber später, wenn die Vernunft wieder ihre unerbittliche Herrschaft angetreten und Gewissensbisse mich gequält hätten, hätte ich es bereut, auch wenn mein Schmerz in diesem Augenblick so groß war, daß ich nicht anders handeln konnte, ich glaube, daß sie meinen Schrei verstanden und die Entscheidung über die Zukunft auf sich genommen hat. Ich weiß nicht, warum sie diese Wahl traf. Es vergeht kein Tag, ohne daß ich dieses Bild vor Augen hätte: ihre schlanke Gestalt, die sich auf der Straße entfernt wie eine kleine Figur, die aus einer Spieluhr entwischt ist und beherzt jedem Anruf trotzt.

Übersetzung: Brigitte Große