La sulitati

SIE WAR DA. ICH spürte ihren Blick, wie er sich in meinen Rücken bohrte; ich fühlte ihr Elend nach, denn sie wusste, dass sie jetzt allein zurechtkommen muss; ich empfand ihren Schmerz, ihren stummen Aufschrei, denn sie kannte keine Ruhe. Sie kam, um mir Ade zu sagen. Hochmütig und hoffnungslos blieb sie stehen, erstarrte in der Obhut der Säulen in der Großhalle, wo die Hektik herrschte. Sie war gekleidet in ein schwarzes Cocktailkleid unter langem dunklem Mantel: Enganliegend und tailliert, mit tiefem Dekolleté, über den Schultern durch zwei Streifen gehalten. Eine Kette aus lilienweißen Perlen schimmerte um ihren Hals, ein antiker Armreif am rechten Handgelenk. Elegant und perfekt gestylt, — ein Trugbild der Lebensfreude mit einer zerrissenen Seele darunter. Die Lichter des Flughafens spielten mit ihren kurzen braunen Haaren. Sie hielt einen aquamarinfarbenen Schal aus Kaschmir fest. Heiter und fröhlich, so gar nicht ihrem Gemüt entsprechend.

Ich schaute mich ständig nach ihr um. Ich versuchte, sie zu erspähen in diesem Gewirr aus menschlichen Körpern und Stimmen, in einem Wirrwarr von Geräuschen und Gerüchen.

„Sag mir, wen du suchst?“

“Niemanden. Mach dich nicht über mich lustig: Ich wollte mich von der Stadt verabschieden.“

Er lachte auf, drückte mich an sich.

„Wir sind bald wieder zurück. Es wird schon schief gehen. Sie nennen die Stadt ja ‚die Ewige’…“

***
Sie war auch eine Ewige. Sie gab es seit Anbeginn der Zeit. Keiner verstand, woher sie kam; keiner weinte ihr nach, wenn sie fortging. War sie etwa schon immer da? Wurde sie von Gott erschaffen, als ein Teil des Entwurfs? War sie gar eine verlorene Seele: Aus dem Nichts entstanden steckte sie mit uns fest, suchte nach ihrem Pfad, verdammt und vergessen in der Dunkelheit eines irdischen Verlieses.

Es war Oktober, als ich sie zum ersten Mal traf. Es regnete nicht und der Himmel strahlte im satten Blau. Des Nachmittags ging ich herum in der friedlichen Idylle des Gartens und unsere Blicke kreuzten sich. Sie saß auf der hölzernen Bank in der Laube, gehüllt in ein dickes Pelz an einem warmen Tag, versteckt von der Welt in einem Märchen aus Efeu und Kletterrosen. Sie war wunderschön und erhaben.

Vorbei an der Pracht des Herbstes ging ich auf sie zu. Die Kälte vertrieb allmählich das Grün des Sommers und ein Windhauch sauste durch die Kronen der Obstbäume, deren bunte Gewänder in den Strahlen der untergehenden Sonne in einer luxuriösen Palette der Acrylfarben brannten: Karminrot und orange, gelb und hellbraun.

„Wieso bist du nicht bei den Anderen?“ fragte sie mich.

Ich errötete und schaute sie lange an. Sie war einst auf ihr Erscheinungsbild nicht so bedacht. Sie kümmerte sich nicht darum, in die Nüchternheit des Alltages zu gehören, ein Teil des bedeutungslosen Ganzen sein zu wollen.

Ihr Kleid war bodenlang, aus zarter silbergrauer Satinseide geschneidert. Das Oberteil und die langen herabhängenden Ärmel besetzte man mit handgeklöppelter Goldspitze. Ein schlichtes Collier um den Hals. Sie bevorzugte immer die Perlen. „Sie sind die Tränen der Engel,“ flüsterte sie mir ins Ohr. „Ich muss es wohl wissen.“ Ihre Haare waren lang, am Hinterkopf mit einer edlen Spanne befestigt. Sie flossen ihr beiderseits die Schultern herunter wie ein endloser Fluss der Zeit, so anmutig und weich.

Ihren Kopf zur Seite geneigt starte sie mich an, in der Stille des Abends verharrend. Sie wartete geduldig und gab nicht nach.

„Ich wollte nicht hingehen. Ich gehöre nicht dazu,“ antwortete ich auf ihre Frage. „Ich fühle mich dort fehl am Platz.“

„Ich auch,“ wisperte sie leise.

„Aber wieso?“ konnte ich ihr nicht glauben. „Du, mit deinem schönen Gesicht, mit deinen Haaren, so fein, so verführerisch, so lieblich. Sie würden sich über dich freuen. Geh hin, zeige dich ihnen.“

Sie verließ mich nicht. Wir redeten bis zur Morgendämmerung. Ich entsinne mich nicht worüber. Die Sterne erloschen und ein neuer Tag brach an. Nächsten Morgens zog sie bei mir ein. Sie begleitete mich überallhin. Ich begann meine Sachen zu packen und schon stand sie da, an der Schelle der Tür, mich ruhig erwartend mit einem schäbigen Koffer in der Hand.

Sie mochte es nirgends, war launisch und überredete mich immerzu zum Aufbrechen, bis sie in Rom ihren Frieden fand.

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