Taube auf der Motorhaube

DER WUNSCH ALLE ZU retten ist einer der kardinalen Charakterzüge meines Wessens. Ich rette alles, was sich noch bewegen kann und atmet. Als Kind habe ich zum Leidwesen meines Vaters unzählige Katzen, Hunde, Vögel, Meerschweinchen und Fische gerettet.

Mein Vater trat eine Dienstreise an, kam zurück und unter dem Sofa begrüßte ihn immerwährend ein unsympathischer frecher Kater. Wir gingen am Palmsonntag zum Friedhof, fanden ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, — aber selbstverständlich habe ich es retten müssen. Mein Bruder war angeln, hat uns große fette Fische mitgebracht, sie schwammen in der Badewanne, Kater Puschel meditierte daneben, ich schrie: „Hört auf meine Fische zu töten!“ und fang einen Hungerstreik an. So ließ meine Mutter die Fische in der Badewanne schwimmen, solange sie konnte. Im Zoo in einem großen Käfig saßen putzige gelbe Küken, sie zwitscherten und sahen so drollig aus. Die Pfleger ließen Adler auf sie los. Die Adler haben den Küken die Köpfe abgerissen und sie gefressen. Ich habe geheult, wie wild um mich getreten und meine Mutter angefleht die Küken nach Hause mitzunehmen. Heute verstehe ich natürlich, dass sie meinem Flennen nachgegeben und drei Küken gestohlen hat. Hätten die Wärter uns erwischt, wären meine Eltern wahrscheinlich von der Polizei abgeholt. So lebten bei uns in einer Stadtwohnung drei Hühner. Jemand hat einer Taube die Flügel mit der blauen Farbe verklebt. Gerettet! Sie lebte bei uns drei Jahre lang, als wir das Land verließen, ließ ich sie im Park frei. Das Gefühl, das ich an diesem Tag hatte, werde ich nie vergessen: Grenzenlosigkeit, Seelenfreude, Helligkeit. Eine Katze auf dem Hof hat eine andere Taube erwischt, die Jungens haben ihr die Taube abgejagt und sie malträtiert. Ich habe sie nach Hause gebracht, sie saß ruhig in einem großen Kasten, in dem exotische Früchte importiert wurden. Mutter hat sie medizinisch verpflegt, ihr Wasser und Kerne angeboten. Am Abend starb die Taube. Und so weiter, unendliche Geschichten sowohl geglückter als auch missglückter Rettungsversuche.

Und ich weiß, von wem ich diesen Charakterzug geerbt habe.

Aus dem Fenster sehe ich unseren Parkplatz. Darauf stehen momentan fünf Autos. Auf dem grauen Mercedes unserer Nachbarin Genevieve sitzt eine Taube und lässt meiner Mutter keine Ruhe. Sie will die Taube retten:

„Ich habe sie beobachtet. Sie saß lange ganz ruhig auf der Motorhaube. Dann ist Axel weggefahren, hat sie verscheucht und sie ging in den Hof, verschwand hinter der Ecke, kam dann zurück, ist wieder mit viel Mühe auf die Motorhaube gesprungen und sitzt jetzt da. Entweder ist das ein kleiner Vogel, der das Fliegen noch nicht gelernt hat oder sie ist verletzt. Wenn die Katzen sie entdecken, dann werden sie sie fangen.“

Die Taube sitzt immer noch auf dem Auto. Wir haben ihr Wasser und Kerne hingestellt. Aber ich kann sie bei aller Liebe nicht retten. Katzen habe ich auch, sie sind ausgezeichnete Jäger. So beobachte ich sie ohnmächtig seit zwei Tagen, sorge mich um ihr Schicksal und hoffe auf ein Wunder.

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Голубка на капоте