Lyddragoth

AM DUNKLEN HORIZONT DES Himmels erschienen erste Strahlen des Lichtes. Der blasse Mond räumte sein Feld und begrüßte die Majestät der Sonne. Zaudernd und schläfrig starben die Sterne und hinterließen keine Zeichen ihrer vergänglichen Existenz. In dem Gras zirpten die Grillen. Vor dem Schlaf sang die Nachtigal ihre nächtliche Melodei. Der Wind unterhielt sich verspielt mit den Wölkchen. Im Lichte der aufgehenden Sonne schimmerte der frühe Tau. In der Ferne sah man Umrisse eines verfallenen Gebäudes — Aus der Dunkelheit der Nacht trat das königliche Schloss Lyddragoth an das Licht des anbrechenden Tages hervor.

Am Bauernhof krähte die Henne. Sie war an diese Tätigkeit nicht gewöhnt und klang eher unverholfen, konnte aber nichts gegen das willkürliche Gesetz der Prinzessin ausrichten und musste sich devot fügen. In der Ecke der Scheune lag der gefesselte Hahn und weinte bitterlich. Er war erschüttert und verkannt und verspürte einen starken Wunsch auszuwandern.

Die königliche Armee schnarchte beherzt in den Kasernen. An dem hohen Wall der Festung spielten die Hüter Strip-Poker mit den hiesigen Weibsbildern. Die Hüter versagten kläglich. Die Mamsellen kicherten, gibbelten und starrten neugierig die aus Verlegenheit erröteten Hüter an.

Die Schutzwachen pattroulierten in der Festung, als sie Lärm, Flüche und Getöse aus der staubigen Gasse vernahmen. Drei Gänse verprügelten einen besoffenen Bären, der nach einem nächtlichen Ausflug in die irische Bar auf dem Weg zu seiner Waldhöhle war. Die Hüter gingen dazwischen. Nach langem erbitterten Kampf verhafteten sie die Randalierer und zehrten sie in den Kerker. „Ist ja immer dasselbe mit diesen Gänsen!“, tat einer der Wächter kund. Der andere blickte ihn brummig an und setzte seine Morgenroute fort.

„Ach, verzieht euch doch!“ Der Hirte trat die Sau in den Allerwertesten und schloss hinter sich die Tür. Er ging zurück in die Hütte und drei Minuten später hörte man daraus ein gleichmäßiges Schnarchen. Die Säue waren entsetzt. Bereits dreimal verfassten sie Beschwerdebriefe an den Beauftragten für schweinische Fragen und ferkelische Angelegenheiten des Ministeriums Unter den großen Eichen. Die diskriminierende Einstellung des Hirten empörte und verletzte sie zutiefst. Laut vor Ersetzen grunzend führten sie sich selbst nach draußen aus, legten sich in die schlammigen Pfützen und riefen einen Hungerstreik aus.

Die faule Köchin stand ungewöhnlich früh an diesem Morgen auf. Sie zog sich an, band sich eine schmutzige Schürze um und ging durch die dunklen Gänge des Schlosses zur Küche. Als sie die Küche betrat, erahnte die Köchin nur die verwischte Silhouette eines Eindringlings, der eilends durch die Hintertür verschwand.

Charakterlose Woobie, die sich als edelherzige Katze tarnte, war ein gerissener Dieb und Rüpel. An hellem Tage lag sie im Schosse der Prinzessin und knurrte ihre zarten Lieder. Des Nachts verwandelte sie sich in einen rauen Flegel und mopste den königlichen Hunden und anderen tierischen Geschöpfen ihre ehrlich verdienten Speisen. „Sie werden mich nicht fassen,“ grinste sie zufrieden in die Dunkelheit und richtete den grauen Sack auf der linken Schulter zurecht.

„Das werden wir ja sehen,“ feixte arglistig Snowball, der treue Hund der Prinzessin, und verfolgte unbemerkt die gemeine Räuberin. Vor einiger Zeit wurde er auf sie aufmerksam und observierte mit Geduld und voller Hingabe ihre Abenteuer. Er wusste genau, um Prinzessin von der wahren Natur ihrer Lieblingskatze zu überzeugen, musste er sie überführen. Er heuerte einen Privatdetektiv an und ließ ihn kompromittierende Bilder von Woobie machen. „Dein Ende naht,“ dachte Snowball verdrießlich, als er sie auf ihrem Weg zum Versteck begleitete.

Von ihrem Gehege aus musterten die erwachten Zwergkaninchen zwei an ihnen vorbeigerauschte Feinde. Bunny und Tadl waren Geheimagenten und Mitglieder des Ordens „FDFDZ“ (Für Die Freiheit Der Zwergkaninchen), den Prinzessin vor drei Jahren verbieten ließ. Die Kaninchen glaubten fest an die freie Liebe. Jede Nacht gruben sie einen Tunnel Richtung Wald und träumten von grenzenloser Freiheit.

Im königlichen Gemach erklang der Wecker. Prinzessin streckte ihre Hand und versuchte ihn abzustellen. Nach einem erfolglosen Kampf „Prinzessinnen gegen Technik“ nahm sie voller Zorn ein seidnes Kissen und schleuderte es nach dem mahagonifarbenen Bett-Tischchen. Der Wecker file mit einem lärmenden Geräusch auf den Boden und setzte das nervige Gedröhne fort. Prinzessin kroch unter ihrer flauschigen Decke hervor. Im Zimmer war es kalt. Die leeren Kassen des Königreichs und der beunruhigende Streik der Bergleute halfen bei der Erzeugung der Wärme nicht. Sie dachte traurig an den letzten Experten für die Fragen der Verwendung von alternativen Quellen zur Gewinnung der Wärmeenergie. „Das war doch unbedacht von mir, den Ärmsten an die Löwen zu verfüttern,“ dachte sie, bestürzt seufzend. Mit ihrem grazilen Fuß versuchte sie, die erste Sprosse der Leiter zu ertasten. Ihr Fuß traf ins Leere und blitzartig verlor sie das Gleichgewicht. Heftig mit ihren Armen fuchtelnd und mit den Füssen in der Luft stemmend file sie vom Bette.

Der treue Ritter arbeitete in seiner geheimen Kammer, als er Verfluchungen, Schreie und ein lautes Geräusch des auf den Boden aufprallenden Körpers aus dem Gemach der Gebieterin hörte. „Verdammt!“, dachte er erschrocken. „Ich habe vergessen, die Leiter zurückzustellen.“ Er kannte die grimmige Stimmung der Prinzessin sehr wohl und musste schnell handeln. Er griff nach der Leiter und rannte die Treppe herunter. In dem königlichen Zoo stellte er sie in der Nähe des Löwengeheges ab und flitzte zurück in sein Verlies, setzte sich geschwind an den Arbeitstisch und schrieb das Traktat „Über die Definition der Sexaffären und deren ethischer Einfluss auf die minderjährige Population im Lyddragoth-Universum“. Sein Haupt war für heute vorerst gerettet.

Sie lag auf dem kalten Boden ihres Schlafgemaches und vermaledeite ihr Leben. Die Diener waren auch im Streik, deswegen eilte keiner zu ihr und half ihr auf die Beine. Jammernd und mit derben Verwünschungen stand sie auf, rieb ihre schmerzende Hüfte und ging hinkend in die Kleiderkammer.

In der Nähe hörte sie hastige Schritte und Verdammungen ihres Ritters. „Der hat doch schon wieder etwas ausgefressen,“ dachte sie suspekt nach. Sie war zufrieden mit seinem Dienst, obwohl er manchmal seinen Kompetenzbereich überschritt und ihre Autorität als Alleinherrscherin gewissenlos untergrub. Sonst hatte Prinzessin einen stillen Verdacht, dass er ihr die königliche Leiter ständig stibitzte und sie dann an allen unmöglichen Orten abstellte, um so ihres Grolls zu entwischen.

Prinzessin nahm ihren Terminkalender in die Hand, schaltete ihr Handy an und rief das Ministerium für Intergalaktische Treffen und Zwischenmenschliche Querelen an.

Der neue Tag in Lyddragoth hat begonnen.

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